Die Kryptomärkte mussten in dieser Woche gleich zwei Belastungsfaktoren verdauen. Das Scheitern des CLARITY Act im US-Senat und die erste Zinserhöhung der US-Notenbank seit Juli 2023. Während viele Marktteilnehmer auf regulatorische Klarheit gehofft hatten, rückte mit der Entscheidung der Federal Reserve erneut das Makroumfeld in den Mittelpunkt.
Die Reaktion fiel spürbar aus, blieb jedoch deutlich hinter den Schockwellen früherer Jahre zurück. Das spricht für einen Markt, der sich auf schlechte Nachrichten vorbereitet hatte.
CLARITY Act scheitert im Senat
Am Dienstagabend verfehlte der CLARITY Act die notwendige Mehrheit im US-Senat deutlich. Die Cloture-Abstimmung endete mit 49 Ja- gegen 50 Nein-Stimmen. Mit 60 Stimmen wäre es ein Erfolg geworden. Doch neben den Vertretern der Demokraten stimmten auch vier Republikaner gegen den Vorstoß.
Damit dürfte die Aussicht auf eine umfassende gesetzliche Marktstruktur für digitale Vermögenswerte im Jahr 2026 praktisch vom Tisch sein. Für die Kryptoindustrie ist das ein herber Rückschlag. Schließlich flossen über Jahre hinweg erhebliche Mittel in Lobbyarbeit, um eine klare Aufteilung der Zuständigkeiten zwischen SEC und CFTC zu erreichen.
Fed erhöht erstmals seit 2023 die Zinsen
Nur einen Tag später sorgte die Federal Reserve für weiteren Gegenwind. Das Federal Open Market Committee hob den Leitzins um 25 Basispunkte auf eine Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent an.
Fed-Chef Kevin Warsh machte deutlich, dass der Kampf gegen die Inflation noch nicht gewonnen sei. Die Wirtschaft zeige sich robust, der Arbeitsmarkt bleibe widerstandsfähig und die finanziellen Bedingungen seien aus Sicht der Notenbank keineswegs restriktiv.
Ein wichtiges Signal für die Märkte kommt jedoch von anderer Stelle. Denn der aktuelle Dot Plot signalisiert eine weitere Zinserhöhung bis Jahresende. Damit ist im also zu erwarten, dass riskante Anlageklassen, wie Kryptowährungen, weiter unter Druck stehen.
Bitcoin hält sich überraschend stabil
Bitcoin zeigte sich trotz der beiden Ereignisse vergleichsweise widerstandsfähig. Bereits vor der Senatsabstimmung war der Kurs angeschlagen und scheiterte innerhalb weniger Tage dreimal am Widerstand bei 80.000 US-Dollar. Nach dem Votum rutschte BTC zeitweise auf rund 75.850 US-Dollar ab.
Die Fed-Entscheidung selbst löste dagegen kaum zusätzliche Verkäufe aus. Unmittelbar nach Bekanntgabe notierte Bitcoin sogar leicht im Plus. Aktuell bewegt sich die Mutter aller Kryptowährung weiter im Bereich zwischen 75.000 und 77.000 US-Dollar.
Trotz der jüngsten Schwäche bleibt bemerkenswert, dass Bitcoin weiterhin oberhalb seiner langfristig wichtigen Durchschnittslinien handelt. Sowohl die 50-Tage-EMA bei rund 73.550 US-Dollar als auch die 200-Tage-EMA bei etwa 73.100 US-Dollar konnten bislang verteidigt werden.
Altcoins geraten deutlich stärker unter Druck
Wie so oft traf die schlechte Stimmung vor allem den Altcoin-Markt. Ethereum verlor am Tag der Abstimmung 5,4 Prozent, Solana gab 5,1 Prozent nach und XRP brach sogar um 9,4 Prozent ein. Gleichzeitig stieg die Bitcoin-Dominanz wieder in Richtung 59 Prozent.
Das Muster ist typisch für Risk-off-Phasen: Anleger reduzieren zuerst ihre Positionen in spekulativeren Assets und suchen Schutz in Bitcoin oder Stablecoins.
Eine der wenigen ernstzunehmenden Ausnahmen blieb in dieser Situation Zcash. Der Privacy Coin kratzte an der Marke von 1.400 US-Dollar. Zum Zeitpunkt der Erstellung des vorliegenden Artikels notiert der ZEC-Kurs bei 1.358 US-Dollar und es bleibt abzuwarten, ob sich die Rallye abkühlt oder fortgesetzt wird.
Über 500 Millionen Dollar an Long-Positionen liquidiert
Die vorherrschende Nervosität zeigte sich auch am Derivatemarkt. Innerhalb von vier Stunden nach dem gescheiterten Senatsvotum wurden Long-Positionen im Wert von rund 288 Millionen US-Dollar liquidiert. Nach etwa 24 Stunden summierten sich die aufgelösten bullischen Positionen auf mehr als 540 Millionen US-Dollar.
Solche Bereinigungen sind zwar häufig schmerzhaft, können aber gleichzeitig dazu beitragen, übermäßigen Hebel aus dem Markt zu entfernen und eine Grundlage für spätere Erholungen zu schaffen.
Ebenfalls aufschlussreich waren die Kapitalflüsse. Bitcoin- und Ethereum-ETFs verzeichneten am 15. September zusammen Abflüsse von rund 592 Millionen US-Dollar. Gleichzeitig zeigte sich eine ungewöhnlich starke Präferenz für Stablecoins. Während rund um Fed-Entscheidungen normalerweise eher Verkäufe von Stablecoins zu beobachten sind, überwog diesmal die Kaufneigung deutlich. Das deutet weniger auf Panik als vielmehr auf eine geordnete Rückkehr vieler Spekulanten an die Seitenlinie hin.
Warum der Markt nicht stärker eingebrochen ist
Trotz der negativen Nachrichten blieb ein echter Ausverkauf aus. Der wichtigste Grund: Beide Ereignisse waren bereits weitgehend eingepreist. Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung lag unmittelbar vor der Fed-Sitzung bereits bei über 90 Prozent. Auch die Chancen des CLARITY Act waren in Prognosemärkten zuletzt deutlich gesunken.
Hinzu kommt, dass die Branche inzwischen alternative Wege zur Regulierung sieht. SEC und CFTC arbeiten bereits an eigenen Regelwerken und könnten viele Fragen auch ohne neue Gesetzgebung klären. Darüber hinaus spricht die technische Verfassung des Marktes bislang gegen einen strukturellen Trendbruch.
Mit dem Scheitern des CLARITY Act verliert der Kryptomarkt trotzdem seinen wichtigsten regulatorischen Hoffnungsträger für das laufende Jahr. Damit rücken klassische Makrofaktoren stärker in den Vordergrund.
Entscheidend werden in den kommenden Wochen vor allem die Entwicklung der Inflation, die Renditen von US-Staatsanleihen, die Stärke des US-Dollars sowie die Ölpreise sein.
Auch die Midterm-Wahlen im November gewinnen an Bedeutung. Ein Erfolg der Demokraten könnte neue Marktstrukturgesetze weiter verzögern und die regulatorische Unsicherheit verlängern.
Diese Kursmarken sollten Anleger im Blick behalten
Auf der Oberseite bleibt die 20-Tage-EMA bei rund 76.850 US-Dollar die erste wichtige Hürde. Darüber wartet die Widerstandszone zwischen 80.000 und 82.000 US-Dollar, an der Bitcoin zuletzt mehrfach scheiterte.
Auf der Unterseite bilden die Bereiche um 73.500 und 73.100 US-Dollar die entscheidenden Unterstützungen. Sollte dieser Bereich verloren gehen, würde sich das Chartbild deutlich eintrüben und Raum für eine Bewegung in Richtung 71.000 US-Dollar schaffen.

