Der Bitcoin-Kurs hat die Marke von 80.000 US-Dollar zurückerobert. Nach dem Tief bei 75.600 US-Dollar in der US-Wahlnacht trieben vor allem zwangsweise geschlossene Short-Positionen und wieder anziehende ETF-Zuflüsse den Kurs nach oben. Ob die Erholung trägt, ist allerdings offen.
Bitcoin notierte am Donnerstagvormittag bei rund 80.300 US-Dollar und damit knapp drei Prozent über dem Vortag. Noch in der Nacht zum Mittwoch war der Kurs gegen 4 Uhr deutscher Zeit auf rund 75.600 US-Dollar gefallen, den tiefsten Stand seit sieben Wochen. Auslöser war der sich abzeichnende Sieg der Demokraten in beiden Kammern des US-Kongresses. Zeitweise stieg Bitcoin danach über 81.000 US-Dollar. Hinter der schnellen Gegenbewegung stehen vor allem ein Short Squeeze am Derivatemarkt, die Rückkehr von Zuflüssen in die US-Spot-ETFs und das Ende der Unsicherheit rund um die Wahl.
Bitcoin-Kurs nach zwei turbulenten Wochen
Die Rückkehr über 80.000 US-Dollar beendet eine schwache Phase. Am 27. Oktober hatte Bitcoin noch bei knapp 79.700 US-Dollar gelegen. Zwei Tage später wurde Binance Opfer eines der größten Hacks der Branchengeschichte. Die Börse beziffert den Gesamtschaden auf 6,3 Milliarden US-Dollar, darunter rund 18.270 BTC aus einer Hot Wallet. Das Analysehaus TRM Labs ordnet den Angriff mit hoher Wahrscheinlichkeit der nordkoreanischen Hackergruppe TraderTraitor zu.
Der Markt reagierte mit einem Schock, der Liquidationen von 1,58 Milliarden US-Dollar auslöste. Bitcoin fiel auf ein Sechswochentief von 76.275 US-Dollar. Den Oktober beendete die größte Kryptowährung mit einem Minus von rund sieben Prozent. In der Wahlnacht zum 4. November rutschte der Kurs dann noch einmal auf etwa 75.600 US-Dollar. Bis zum Mittwochvormittag erholte er sich auf 78.300 US-Dollar, am späten Mittwochabend notierte BTC bereits wieder bei gut 80.200 US-Dollar.
Short Squeeze treibt den Bitcoin-Kurs
Der stärkste kurzfristige Treiber war der Derivatemarkt. Viele Trader hatten nach dem Binance-Hack und vor der Wahl auf weiter fallende Kurse gesetzt. Als Bitcoin drehte, mussten diese Short-Positionen zwangsweise geschlossen werden. Dabei kaufen Börsen die Coins automatisch zurück, was den Anstieg zusätzlich beschleunigt. Laut CoinGlass wurden am 4. November marktweit innerhalb einer einzigen Stunde Short-Positionen im Wert von rund 378 Millionen US-Dollar liquidiert. Über die gesamte Handelssitzung summierten sich die Liquidationen auf knapp 747 Millionen US-Dollar.
Ein Detail zeigt, wie wenig frisches Kapital dahintersteht. Der Bitcoin-Kurs stieg binnen 24 Stunden um 2,6 Prozent, das Open Interest bei Bitcoin-Futures aber nur um 0,3 Prozent. Von den Bitcoin-Liquidationen in Höhe von 267 Millionen US-Dollar entfielen rund 93 Prozent auf Short-Positionen. Der Anstieg beruht also vor allem auf Eindeckungen und kaum auf neuen Long-Wetten.
Spot-ETFs melden wieder Zuflüsse
Auch die US-Spot-ETFs lieferten Rückenwind, wenn auch einen bescheidenen. Am 4. November flossen laut Farside Investors netto 74,6 Millionen US-Dollar in die Produkte. Damit endete eine Serie von drei Handelstagen mit Abflüssen von zusammen rund 1,16 Milliarden US-Dollar, allein 643 Millionen US-Dollar davon am Tag nach dem Binance-Hack. Das Bild ist allerdings gespalten. Fidelitys FBTC sammelte 236,7 Millionen US-Dollar ein, während BlackRocks IBIT als größter Bitcoin-ETF 201,2 Millionen US-Dollar verlor.
Wahlausgang beseitigt Unsicherheit
Der dritte Faktor ist politisch. Die Demokraten haben bei den Midterms beide Kammern des Kongresses gewonnen. Das drückte zunächst auf die Stimmung, weil viele Marktteilnehmer schlechtere Chancen für den CLARITY Act sehen. Das Gesetz zur Marktstruktur für Krypto war im September im Senat mit 49 zu 50 Stimmen gescheitert. Sobald das Ergebnis feststand, ließ der Druck jedoch nach. Die auf eine Woche gerechnete implizite Volatilität bei Bitcoin-Optionen fiel von rund 41 auf 34 Prozent, die Nachfrage nach Absicherung über Puts normalisierte sich.
Hinzu kam Rückenwind von den traditionellen Märkten. Die US-Aktienfutures drehten am Mittwoch ins Plus, die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen sank um sechs Basispunkte auf 4,90 Prozent. Ein schwächerer Dollar und fallende Renditen gelten in der Regel als günstig für Bitcoin.
Die Erholung ist eher eine technische Gegenbewegung als eine Trendwende. Der Kurs ist im Kern nur dorthin zurückgekehrt, wo er vor dem Binance-Hack stand. Der makroökonomische Gegenwind bleibt bestehen. Die US-Notenbank hat den Leitzins am 28. Oktober bei 3,75 bis 4 Prozent belassen. Zwei Mitglieder des Offenmarktausschusses, Gouverneurin Lisa Cook und Cleveland-Fed-Präsidentin Beth Hammack, stimmten sogar für eine Erhöhung um 0,25 Prozentpunkte. Fed-Chef Kevin Warsh verwies auf die weiterhin erhöhte Inflation.
Auch die Großbanken rechnen nicht mit schneller Entlastung. Goldman Sachs hat seine erwarteten Zinssenkungen auf Dezember 2026 und März 2027 verschoben, die Bank of America sieht die erste Senkung erst im dritten Quartal 2027. Für Bitcoin bedeutet das, dass die Liquidität vorerst knapp bleibt. Die Stimmung am Markt ist entsprechend vorsichtig. Der Fear & Greed Index von Alternative.me stand zuletzt bei 34 Punkten und damit im Bereich „Fear“.
Der Ausblick für die kommenden Wochen
In den kommenden Tagen entscheidet sich, ob aus dem Short Squeeze eine tragfähige Erholung wird. Wichtigster Termin ist der US-Arbeitsmarktbericht am Freitag. Starke Daten würden die Hoffnung auf Zinssenkungen weiter dämpfen. Charttechnisch liegt der nächste Widerstand im Bereich von 82.000 US-Dollar, wo auch der 50-Tage-Durchschnitt verläuft. Nach unten gilt die Zone um 76.000 US-Dollar als wichtige Unterstützung.
Auf zwei Dinge sollten Anleger in den kommenden Wochen zusätzlich achten. Erstens auf die ETF-Flows, insbesondere bei BlackRocks IBIT. Ohne nachhaltige Zuflüsse fehlt der Erholung das frische Kapital. Zweitens auf die erbeuteten 18.270 BTC aus dem Binance-Hack. Sollten die Angreifer beginnen, die Coins zu verkaufen, könnte das erneut auf den Kurs drücken.

