Es kommt nicht häufig vor, dass Washington direkt am Devisenmarkt eingreift, um eine fremde Währung zu stützen. Noch ungewöhnlicher ist es, wenn es sich dabei um den japanischen Yen handelt. Genau das ist nun passiert. Nachdem die japanische Währung zeitweise bis auf 164 Yen je Dollar gefallen war und damit den schwächsten Stand seit rund vier Jahrzehnten erreicht hatte, intervenierten Japan und die USA gemeinsam. Der Yen sprang daraufhin bis auf unter 158 Yen je Dollar zurück.
Was auf den ersten Blick wie ein Spezialthema für Devisenhändler aussieht, könnte für die globalen Finanzmärkte und insbesondere für Bitcoin erhebliche Folgen haben. Denn hinter der Yen-Schwäche steckt eines der größten und ältesten Finanzmarktgeschäfte überhaupt: der Carry Trade.
USA intervenieren zum ersten Mal seit 28 Jahren
Historisch ist die Intervention bemerkenswert. Zwar hatten die USA und Japan zuletzt 2011 gemeinsam am Devisenmarkt eingegriffen. Damals ging es allerdings um das genaue Gegenteil. Nach dem schweren Erdbeben in Japan verkauften die G7 Yen, um eine zu starke Aufwertung der Währung zu bremsen. Die letzte gemeinsame Intervention von Washington und Tokio, bei der tatsächlich Yen gekauft wurden, fand dagegen 1998 statt. Nach 28 Jahren greift die US-Regierung also wieder direkt ein, um die japanische Währung zu stützen. Allein das zeigt, wie ernst die Lage inzwischen genommen wird.
US-Finanzminister Scott Bessent machte keinen Hehl daraus, dass Washington den Yen mittlerweile für deutlich unterbewertet hält. Gleichzeitig kritisierte er die starken und ungeordneten Schwankungen am Devisenmarkt. Japan und die USA haben zudem klargestellt, dass die jüngste Aktion keine einmalige Maßnahme bleiben muss. Beide Seiten erklärten, bei Bedarf erneut gemeinsam intervenieren zu wollen. Präsident Donald Trump bezeichnete die Unterstützung Japans zusätzlich als Zeichen der Freundschaft und verwies auf die Bedeutung der Maßnahme für die globale wirtschaftliche Stabilität.
Die USA müssen die heimischen Märkte verteidigen
Doch hinter der amerikanischen Beteiligung steckt wahrscheinlich mehr als diplomatische Solidarität. Ein entscheidender Faktor dürfte der US-Anleihemarkt sein. Japan gehört zu den größten Besitzern amerikanischer Staatsanleihen. Um den Yen in großem Stil aus eigener Kraft zu stützen, müsste Tokio Dollar beschaffen. Eine Möglichkeit wäre, Teile seiner umfangreichen Treasury-Bestände zu verkaufen. Genau das könnte allerdings ein neues Problem schaffen: Zusätzliche Verkäufe amerikanischer Staatsanleihen würden deren Kurse belasten und die Renditen weiter nach oben treiben.
Für Washington käme das zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen ist seit Jahresbeginn bereits deutlich gestiegen. Viele Marktbeobachter sehen deshalb einen möglichen „Selbsterhaltungs“-Aspekt hinter der amerikanischen Intervention. Washington hilft Japan beim Yen – und reduziert gleichzeitig das Risiko, dass Tokio zur Finanzierung seiner Währungsstützung große Mengen amerikanischer Staatsanleihen auf den Markt werfen muss.
Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die angekündigte Nutzung der sogenannten FIMA Repo Facility der Federal Reserve. Über diese Fazilität können ausländische Zentralbanken und Währungsbehörden kurzfristig Dollar-Liquidität erhalten, indem sie US-Staatsanleihen vorübergehend bei der Fed hinterlegen. Japan muss diese Papiere also nicht verkaufen, um an Dollar zu gelangen. Washington und Tokio versuchen offenbar gleichzeitig, den Yen und den global wichtigen US-Anleihemarkt zu stabilisieren.
Nur Symptombekämpfung, keine Dauerlösung
Damit ist das grundlegende Problem allerdings nicht gelöst. Die Ursache der Yen-Schwäche liegt weiterhin vor allem im Zinsunterschied zwischen Japan und den USA. Die Bank of Japan beließ ihren Leitzins zuletzt bei 1,0 Prozent. Acht der neun Mitglieder des Policy Boards stimmten für unveränderte Zinsen, lediglich ein Mitglied wollte den Satz um 25 Basispunkte erhöhen. Gleichzeitig rentieren zweijährige US-Staatsanleihen deutlich höher. Der Renditeabstand beträgt aktuell rund 270 Basispunkte.
Genau dieser Abstand ist der Treibstoff des Yen Carry Trades. Investoren können sich vergleichsweise günstig in Yen finanzieren und das Kapital anschließend in höher verzinste Dollar-Anlagen oder andere renditestärkere Assets investieren. Solange der Yen schwach bleibt und der Zinsvorteil groß genug ist, funktioniert dieses Geschäft. Eine Intervention kann den Wechselkurs kurzfristig bewegen – sie beseitigt aber nicht den ökonomischen Anreiz hinter dem Trade.
Auch für Bitcoin ist das relevant
Der Yen Carry Trade finanziert nicht ausschließlich klassische Anleihepositionen. Günstiges Yen-Kapital fließt über unterschiedliche Wege auch in Aktien, Technologieunternehmen und andere Risikoanlagen. Kryptowährungen sind Teil dieses globalen Liquiditätssystems. Steigt der Yen plötzlich stark, kann ein eigentlich profitabler Carry Trade schnell unter Druck geraten. Investoren müssen ihre Yen-Verbindlichkeiten teurer zurückzahlen, reduzieren ihre Hebelpositionen und verkaufen Vermögenswerte, um Liquidität zu beschaffen.
Wie unangenehm dieser Mechanismus für den Kryptomarkt werden kann, zeigte sich bereits im August 2024. Die damalige Auflösung von Yen Carry Trades ging mit massivem Druck auf Bitcoin und Altcoins einher. Entsprechend genau sollten Krypto-Investoren die aktuelle Entwicklung verfolgen. Nicht die Tatsache, dass der Yen steigt, ist dabei das größte Problem. Entscheidend ist die Geschwindigkeit.
Eine langsame und kontrollierte Aufwertung des Yen wäre für Bitcoin keineswegs zwangsläufig negativ. Wenn die Intervention gleichzeitig zu einem schwächeren Dollar führt und der japanische Bondmarkt stabil bleibt, könnte sich das globale Liquiditätsumfeld sogar verbessern. Ein abrupter Yen-Sprung wäre dagegen gefährlicher. Je schneller die Währung steigt, desto größer wird das Risiko, dass gehebelte Carry Trades gleichzeitig geschlossen werden müssen und Verkaufsdruck auf zahlreiche Assetklassen überspringt.
Die Lage bleibt fragil
Die Positionierung macht dieses Szenario besonders relevant. Nichtkommerzielle Yen-Short-Positionen lagen Ende Juli bei 163.412 Kontrakten. Ein erheblicher Teil des Marktes hatte also auf eine weitere Schwäche des Yen gesetzt. Wird eine solche Positionierung auf dem falschen Fuß erwischt, kann sich die Bewegung selbst verstärken: Der Yen steigt, Short-Positionen werden geschlossen, dafür müssen Yen zurückgekauft werden – und die Währung steigt weiter.
Deshalb ist USD/JPY allein derzeit nicht die wichtigste Kennzahl. Entscheidend bleibt der Zinsabstand. Solange zweijährige US-Anleihen einen deutlichen Renditevorteil gegenüber japanischen Papieren bieten, bleibt der Carry Trade strukturell attraktiv. Als mögliche kritische Schwelle gelten rund 200 Basispunkte beim zweijährigen Zinsabstand. Fällt der Spread darunter, könnte der Carry Trade zunehmend an Attraktivität verlieren und sich auch ohne weitere Interventionen zurückbilden. Davon ist der Markt derzeit noch entfernt.
Genau das ist die Schwäche der aktuellen Strategie. USA und Japan können Milliarden einsetzen, Spekulanten abschrecken und den Yen kurzfristig nach oben drücken. Aber sie kämpfen damit gegen einen fundamentalen Anreiz, der weiterhin existiert. Eine dauerhafte Veränderung würde eher durch höhere japanische Zinsen, geringere Zinsdifferenzen und eine stärkere Rückführung japanischen Kapitals aus dem Ausland entstehen.
Für Bitcoin bedeutet das: Die Yen-Frage ist noch lange nicht erledigt. Die gemeinsame Intervention hat Tokio Zeit gekauft und den Märkten gezeigt, dass Washington bereit ist, sich einzuschalten. Einen nachhaltigen Boden für den Yen hat sie damit aber noch nicht geschaffen. Solange der Carry Trade attraktiv bleibt, befindet sich unter den globalen Risikoanlagen weiterhin ein großer Hebel. Und sollte dieser Hebel plötzlich zurückgedreht werden, dürfte Bitcoin zu den Märkten gehören, die die Folgen sehr schnell zu spüren bekommen.
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