Der Bitcoin-Kurs pendelte die letzten vier Wochen in einer Range zwischen 76.500 US-Dollar und 82.000 US-Dollar. Heute starteten die Bullen einen Ausbruchsversuch, der die Mutter aller Kryptowährungen auf knapp 86.000 US-Dollar tragen konnte.
Aus Sicht der technischen Analyse überschreitet Bitcoin damit den Widerstand bei rund 82.000 US-Dollar, der noch im Mai unüberwindbar erschien und ein lokales Hoch markierte. Gleichzeitig bleibt BTC hinter dem Jahreshöchststand von 98.233 US-Dollar deutlich zurück. Sofern sich der aktuelle Trend fortsetzt, könnte der September auf Monatssicht der dritte Monat in Folge sein, der im Plus abschließt. Während der September statistisch gesehen häufiger zu den Monaten zählt, die im Minus abschließen, sind der Oktober und der November wenigstens aus statistischer Sicht häufiger bullisch.
Daher beflügelt die aktuelle Entwicklung die Fantasie einiger Anleger. Ein Blick auf Social Media verrät jedoch, wie gespalten die Kryptogemeinde in Bezug auf die jüngste Entwicklung ist. Viele Anleger halten scheinbar am Bärenmarkt fest und rechnen immer noch mit einem weiteren Abverkauf, der Bitcoin in Richtung 40.000 US-Dollar drückt. Sie sehen im Wesentlichen nur eine Bärenmarktrallye, die von begrenzter Dauer ist.
Wie die Bären argumentieren
Scheinbar ist die Sichtweise der bärisch gestimmten Anleger häufig historisch begründet. Bitcoin fand vom jeweiligen Allzeithoch aus betrachtet sein Tief irgendwo zwischen -70 % und -85 %. Vom Top aus dem Oktober 2025 bis zum Boden im Juni 2026 sind es nur etwas mehr als -54 %. Da viele Anleger den Kryptomarkt zyklisch verstehen, kann aus ihrer Sicht die Talfahrt nicht zu einem Ende kommen, bevor eine nahezu katastrophale Kapitulation einsetzt und viel heftigere Buchverluste gegenüber dem Top entstehen.
Gleichzeitig gibt es keine Zinslockerung oder QE durch die Fed. Zuletzt hob die Fed den Zins sogar erstmals seit 2023 wieder an und gibt sich ausgesprochen „hawkish“. Der „Money Printer“ war jedoch in der Vergangenheit ein wichtiger Faktor für den Aktien- und den Kryptomarkt. Daher fehlen sowohl aus Makrosicht als auch aus Sicht der klassischen Krypto-Marktzyklen die relevanten Treiber, um eine Trendumkehr intellektuell plausibel zu machen.
Trotzdem macht der Kryptomarkt aber genau das Gegenteil von dem, was die Bären gemeinhin an dieser Stelle erwarten würden. Er zieht drastisch an.
Warum die Bullen am Ende recht behalten könnten
Die zyklische Argumentation trägt einen Konstruktionsfehler in sich. Sie unterstellt, dass sich die historischen Drawdowns wiederholen, obwohl diese von Zyklus zu Zyklus flacher ausgefallen sind. Auf rund 93 Prozent im Jahr 2011 folgten etwa 87 Prozent bis 2015, gut 84 Prozent bis Ende 2018 und knapp 78 Prozent bis Ende 2022. Die Reihe zeigt in eine eindeutige Richtung. Ein Rückgang von gut 54 Prozent setzt diese Entwicklung fort, wenn auch mit einem deutlichen Sprung gegenüber den vergangenen Abschlägen. Ein zusätzlicher Faktor, der in diesem Bärenmarkt komplett fehlt, sind die Skandale der Vergangenheit. Im Jahr 2026 gibt es keinen Crash von Terra Luna, 3AC, Celsius Network oder den phänomenalen Kollaps von FTX.
Zusätzlich zeichnet sich ein struktureller Wandel ab, den das Zyklusmodell nicht abbilden kann. Denn der Grenzkäufer ist ein anderer geworden. Die On-Chain-Daten der Sommermonate zeigen ein Muster, bei dem Fonds genau jene Bestände aufnahmen, die Langfristhalter und Wale abgaben. Die Verkaufsseite arbeitete also ein vorhandenes Angebot ab, statt auf schlechte Nachrichten zu reagieren. Passend dazu reichten die Zuflüsse am 18. September aus, um den US-Spot-ETFs eine zweite Verlustwoche in Folge zu ersparen. Ein Markt, dessen Angebot von preisunempfindlichen, strategisch agierenden Adressen absorbiert wird, folgt nicht mehr sauber der alten Boom-und-Bust-Vorlage aus dem Retail-Zeitalter.
Der entscheidende Denkfehler liegt aber beim Argument des fehlenden „Money Printers“. Ein Blick auf die Edelmetalle zeigt, dass diese Bedingung offenbar keine ist. Gold kletterte am 20. September über 4.713 US-Dollar und legte an einem Tag 3,84 Prozent zu, Silber sogar 7,47 Prozent, getragen vom Debasement-Trade und offizieller Nachfrage. Und das bei einer straffenden Notenbank und hohen Realzinsen.
Hinzu kommt, dass Liquidität längst nicht nur von der Fed kommt. Das US-Finanzministerium erhöhte im August die Größenordnung seiner Rückkäufe langlaufender Anleihen von zwei auf vier Milliarden US-Dollar pro Operation. Zwar bleibt das Gesamtvolumen der Buybacks mit rund 38 Milliarden US-Dollar pro Quartal überschaubar, die Maßnahme zeigt jedoch, dass die Stabilisierung der Finanzmärkte nicht allein über die Geldpolitik der Fed erfolgt.
Gleichzeitig löst sich der konkrete Gegenwind gerade auf, der Krypto 2026 ausgebremst hat. Brent fiel zuletzt den vierten Handelstag in Folge, was Risiko-Assets Luft verschafft und den Inflationsimpuls entschärft, der die Fed zu ihrer harten Linie zwingt. Fällt dieser Druck weg, wird auch der restriktive Pfad zumindest spekulativ wieder verhandelbar.
Zu guter Letzt dreht sich alles um die Positionierung, und die spricht ebenfalls für die Bullen. Der Ausbruch löste binnen weniger Stunde Short-Liquidationen über 400 Millionen US-Dollar aus. Das zeigt, wie viel Kapital gegen diese Bewegung positioniert war und als Treibstoff zur Verfügung steht. Die gespaltene Stimmung ist dabei kein Warnsignal, sondern die klassische Ausgangslage für längere Aufwärtsphasen, denn Euphorie sieht anders aus.
Damit die Bullen am Ende recht behalten, muss sich der Rückgang im Nachhinein als bloße Neubewertung erweisen. Die zurückeroberte Marke muss auf Wochenschlusskursbasis halten, und die ETF-Zuflüsse müssen dem Preis folgen, statt ihm hinterherzulaufen.

