Eine Zinserhöhung der Federal Reserve, ein Rückschlag für den Clarity Act und trotzdem steigende Bitcoin-Kurse. Wer nach Gründen für einen erneuten Absturz gesucht hat, wurde zuletzt durchaus fündig. Nur der Markt wollte nicht mitspielen. Für mich ist genau das die interessanteste Entwicklung: Bitcoin steckt schlechte Nachrichten weg und arbeitet sich weiter nach oben. Ist der Bärenmarkt damit vorbei?
Nach dem Kurssprung von rund 20 Prozent war die Skepsis zunächst groß. Viele Anleger befürchteten das berüchtigte „Bart-Simpson-Muster“: erst steil nach oben, dann eine Weile seitwärts und schließlich genauso schnell wieder zurück auf Anfang. Wer einige Jahre im Kryptomarkt verbracht hat, kennt solche Bewegungen. Nach Monaten enttäuschter Hoffnungen fällt es schwer, einer Erholung zu vertrauen.
Doch bislang ist der befürchtete Rückfall ausgeblieben. Stattdessen hat Bitcoin erstmals seit rund zehn Monaten wieder eine Wochenkerze oberhalb seines 50-Wochen-Durchschnitts geschlossen. Diese Linie war in früheren Bärenmärkten häufig eine hartnäckige Hürde. Ihre nachhaltige Rückeroberung spricht deshalb dafür, dass sich die Marktstruktur verbessert und das Tief vom Juni tatsächlich das Ende des Abschwungs markiert haben könnte.
Das ist ein ernst zu nehmendes Signal. Ein einzelner Wochenschluss liefert allerdings noch keine endgültige Bestätigung. Entscheidend wird sein, ob Bitcoin das zurückgewonnene Terrain verteidigt und weitere höhere Tiefs ausbildet. Auch einen erneuten Test des 200-Tage-Durchschnitts halte ich weiterhin für möglich. Eine solche Korrektur wäre nicht automatisch das Ende der Erholung. Sie würde vor allem zeigen, wie belastbar die neue Nachfrage tatsächlich ist.
Sollte das Bärenmarkttief bereits hinter uns liegen, müssten sich einige Anleger wohl erneut von ihren Vorstellungen über den Vierjahreszyklus verabschieden. Auf eine vergleichsweise verhaltene Euphoriephase am Hoch könnte diesmal auch ein weniger ausgeprägter Abschwung folgen. Für mich wäre das durchaus plausibel. Schließlich verändert sich die Zusammensetzung dieses Marktes.
Unter der Oberfläche arbeitet es seit langem
Die institutionelle Adoption wird inzwischen an konkreten Angeboten sichtbar. Die Deutsche Bank hat eine Verwahrungslösung für digitale Vermögenswerte angekündigt, die sich unter anderem an Vermögensverwalter, Hedgefonds und andere institutionelle Kunden richtet. Der vorgesehene Start steht noch unter regulatorischem Vorbehalt. Trotzdem zeigt das Vorhaben, wie ernst große Banken dieses Geschäft mittlerweile nehmen.
Standard Chartered bietet institutionellen Kunden bereits den direkten Handel mit Bitcoin und Ether an. JPMorgan arbeitet mit Blockchain-basierten Einlagenkonten und programmierbaren Zahlungen. Bei Citigroup geht es ebenfalls um tokenisierte Einlagen, bei Goldman Sachs und BNY um tokenisierte Geldmarktfonds.
Diese Entwicklungen sollte man nicht pauschal mit zusätzlicher Bitcoin-Nachfrage gleichsetzen. Wer einen Geldmarktfonds tokenisiert, kauft deshalb noch lange keine Bitcoin. Sie zeigen aber, dass die traditionelle Finanzwelt ihre Infrastruktur verändert. Verwahrung, Handel und Abwicklung digitaler Vermögenswerte werden zunehmend Bestandteil des regulären Geschäfts. Damit sinken Hürden, die einen breiteren Einstieg lange erschwert haben.
Deshalb halte ich es auch für zu kurz gegriffen, die weitere Entwicklung des gesamten Sektors an einer einzelnen Abstimmung zum Clarity Act festzumachen. Der Rückschlag ist relevant, insbesondere für die regulatorische Einordnung vieler anderer Kryptowerte. Die Banken stellen ihre Projekte deshalb aber nicht automatisch ein. Der Umbau hat längst begonnen.
Gleichzeitig könnte sich die Aufmerksamkeit an den Kapitalmärkten wieder breiter verteilen. Der KI-Boom hat enorme Erwartungen und viel Kapital auf sich gezogen. Nun stellt sich zunehmend die Frage, wann sich die gewaltigen Investitionen in Rechenzentren und Infrastruktur rechnen – und wie viel davon auf Kredit finanziert werden sollte.
Wechselt das Narrativ jetzt wieder zu Krypto?
Daraus folgt noch keine belegte Kapitalrotation von KI-Aktien zu Bitcoin. Ich halte es jedoch für plausibel, dass Anleger wieder stärker nach anderen Investmentgeschichten suchen, sobald bei den bisherigen Favoriten Ernüchterung einsetzt. Der Kryptosektor könnte davon profitieren: Während die Kurse lange enttäuschten, wurde an Produkten und Infrastruktur weitergebaut. Eine schwache Kursentwicklung allein macht einen Vermögenswert allerdings noch nicht günstig. Entscheidend bleibt, ob daraus tatsächliche Nutzung und Nachfrage entstehen.
Die größte Unbekannte liegt für mich ohnehin an den Anleihemärkten. Hohe Staatsschulden und steigende Finanzierungskosten können Bitcoins Rolle als knappes, staatsunabhängiges Gut wieder stärker ins Bewusstsein rücken. Der sogenannte Debasement-Trade lebt von der Sorge, dass die langfristige Antwort auf übermäßige Verschuldung erneut in einer Entwertung des Geldes liegen könnte.
Kurzfristig kann dieselbe Entwicklung allerdings erheblichen Druck erzeugen. Wenn Anleiheturbulenzen Liquidität aus den Märkten ziehen, bleibt Bitcoin davon kaum unberührt. Eine langfristig überzeugende Investmentthese schützt nicht vor einem heftigen zwischenzeitlichen Ausverkauf. Genau diese unterschiedlichen Zeithorizonte muss man auseinanderhalten.
Meine Einschätzung fällt deshalb inzwischen konstruktiver aus. Die Kursreaktion auf schlechte Nachrichten, die Rückeroberung einer wichtigen Trendlinie und die Fortschritte bei der institutionellen Nutzung ergeben zusammen ein zunehmend überzeugendes Bild. Ich halte es für gut möglich, dass wir das Tief bereits gesehen haben und Bitcoin bis zum Jahresende deutlich höher steht.
Zur Gewissheit wird diese Einschätzung dadurch nicht. Jetzt muss sich zeigen, ob die zurückgewonnenen Trendmarken halten und wie Bitcoin auf weiteren Stress an den Anleihemärkten reagiert. Aber wer auf die endgültige Entwarnung wartet, sollte sich eines bewusst machen: Wenn eine Trendwende für alle offensichtlich geworden ist, hat der Markt meist schon einen erheblichen Teil der Bewegung hinter sich.
Denken Sie langfristig!
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