Fünf Jahre nach dem Rauswurf plant Binance laut offenbar den zweiten Anlauf auf der Insel. Am 30. September öffnet die FCA ihr Antragsfenster für Krypto-Unternehmen, und die größte Börse der Welt will dabei sein. Wie dieses Verfahren ausgeht, sagt auch etwas darüber, wie realistisch ein Comeback in der EU noch ist.
Die Financial Conduct Authority (FCA) hatte Binance im Juni 2021 aus dem britischen Markt gedrängt. Nun arbeitet das Unternehmen laut Medienberichten an einer Rückkehr und will eine Zulassung unter dem neuen britischen Krypto-Regime beantragen. Bestätigt hat Binance das bislang nicht, ein Sprecher erklärte lediglich, man kommentiere Spekulationen über mögliche Lizenzanträge nicht. Der Zeitpunkt ist trotzdem kein Zufall, denn Großbritannien stellt die rechtliche Grundlage für Kryptobörsen gerade komplett um.
Das Antragsfenster öffnet am 30. September
Ihr endgültiges Regelwerk hat die FCA Ende Juni 2026 veröffentlicht. Drei Termine sind seitdem entscheidend. Anträge nimmt die Behörde vom 30. September 2026 bis zum 28. Februar 2027 an, in Kraft tritt das vollständige Regime am 25. Oktober 2027.
Ein Detail wird dabei leicht unterschätzt. Bestehende Registrierungen nach den Geldwäscheregeln werden nicht automatisch in die neue Erlaubnis umgewandelt. Jede Plattform braucht eine frische Zulassung auf Basis des Financial Services and Markets Act. Wer innerhalb des Fensters einreicht, kann Übergangsregelungen nutzen, solange die Aufsicht prüft. Wer später kommt, verliert diesen Schutz und muss betroffene Dienste womöglich einstellen, bis die Zulassung vorliegt.
Was Binance für die FCA-Lizenz erfüllen müsste
Das neue Regime reicht weit über Werbevorschriften und Geldwäscheaufsicht hinaus. Erfasst sind Handelsplattformen, Eigenhandel, Vermittlung, Verwahrung, Staking, Lending und bestimmte Stablecoin-Tätigkeiten. Zugelassene Firmen müssen Kapitalanforderungen, operative Resilienz und Kontrollen gegen Finanzkriminalität nachweisen. Zusätzlich greifen die Consumer Duty und das Senior Managers and Certification Regime, das einzelne Führungskräfte persönlich in die Verantwortung nimmt.
Für Handelsplattformen kommen Offenlegungspflichten, Vorkehrungen gegen Marktmissbrauch und Standards für die Zulassung von Assets hinzu. Verwahrer müssen Regeln zu Eigentum an Kundenwerten, Buchführung, Abstimmung der Bestände und Verwaltung privater Schlüssel erfüllen. Über allem steht der Fit-and-proper-Test, mit dem die Aufsicht Eigentümer und Management auf Eignung prüft.
Praktisch bedeutet das für Binance vor allem drei Dinge. Es braucht eine echte Präsenz in Großbritannien, ein eigenes britisches Board gilt als Teil der Antwort, und geprüft wird nicht nur die kleine britische Hülle. Wer den Weg über eine britische Zweigniederlassung wählt, löst eine Bewertung des Gesamtunternehmens aus und zieht damit das globale Geschäft in den britischen Regelkreis. Genau an dieser Konzernstruktur haben sich Aufseher jahrelang gestört.
Wie eng das Nadelöhr sein kann, zeigt die Bilanz des alten Krypto-Registers. Zwischen Januar 2020 und Mai 2022 gingen bei der FCA 273 Anträge ein. Genehmigt wurden 35, weitere 139 Firmen zogen zurück, bevor überhaupt eine Entscheidung über die Anträge vorlag.
Warum die FCA Binance 2021 ausbremste
Am 25. Juni 2021 verhängte die Aufsicht Auflagen gegen Binance Markets Limited. Die Begründung wog schwerer als jede Geldbuße, denn die Behörde sah sich nicht in der Lage, das Unternehmen wirksam zu beaufsichtigen, und verwies dabei auf die Struktur der Gruppe sowie auf komplexe, risikoreiche Produkte. 2023 endeten die ungenutzten Erlaubnisse der britischen Einheit. Heute ist keine Gesellschaft der Binance-Gruppe in Großbritannien zugelassen, der kommende Antrag startet also bei null.
Parallel bröckelte die Infrastruktur. Der Zahlungsdienstleister Skrill beendete die Zusammenarbeit, womit Binance seinen Bankpartner in Großbritannien verlor und Ein- und Auszahlungen in Pfund wegfielen. Im Oktober 2023 folgte der nächste Einschnitt. Nachdem die FCA dem kleinen Partnerunternehmen Rebuildingsociety.com die Freigabe von Krypto-Werbung untersagt hatte, stoppte Binance am 16. Oktober die Aufnahme neuer britischer Kunden. Bestandskunden durften weiterhandeln, neue Produkte blieben ihnen verschlossen.
Was sich seit dem Rauswurf geändert hat
Auf der Regulierungsseite ändert sich fast alles. Aus einem Flickenteppich aus Geldwäscheregister und Werbefreigaben wird eine vollwertige Zulassung mit laufender Aufsicht. David Geale, bei der FCA verantwortlich für Zahlungsverkehr und digitale Finanzen, hat den Anspruch klar benannt, denn Krypto-Firmen sollen an ähnlichen Standards gemessen werden wie andere britische Finanzdienstleister. Für Binance ist das Chance und Risiko zugleich. Erstmals existiert ein definierter Pfad zurück in den Markt, der 2021 schlicht fehlte.
Auf Unternehmensseite fällt die Bilanz gemischt aus. Im November 2023 bekannte sich Binance in den USA schuldig, gegen Geldwäsche- und Sanktionsrecht verstoßen zu haben, und zahlte mehr als 4,3 Milliarden US-Dollar. Gründer Changpeng Zhao saß 2024 vier Monate in Haft und wurde im Oktober 2025 von Donald Trump begnadigt. Das Unternehmen verweist heute auf mehr als 1.500 Beschäftigte im Compliance-Bereich und beziffert den Rückgang seiner sanktionsbezogenen Exposition seit Anfang 2024 auf 97 Prozent. Im August hat die Börse zusätzlich elf andere Plattformen für europäische Nutzer gesperrt.
Dem stehen frische Vorwürfe gegenüber. Medienrecherchen aus diesem Jahr verbinden Binance mit Zahlungsströmen iranischer Netzwerke, in einem Fall wurden 676 Millionen US-Dollar von einer unlizenzierten Börse in Dubai zu Binance-Wallets zurückverfolgt. Das US-Justizministerium prüft, mehrere Senatoren haben Auskunft verlangt. Binance bestreitet die Darstellungen, betont eine Nulltoleranz gegenüber Sanktionsverstößen und hat den Verlag des Wall Street Journal wegen Verleumdung verklagt. Belegt sind die Vorwürfe damit nicht, für eine Aufsichtsbehörde gehören sie dennoch zur Akte. Hinzu kommt eine in Großbritannien laufende Klage über rund 200 Millionen US-Dollar wegen Verlusten im Hebeltrading.
Der Markt ist unterdessen im Vereinigten Königreich geschrumpft. Nach Erhebungen der FCA hielten 2025 acht Prozent der britischen Erwachsenen Kryptowerte, ein Jahr zuvor waren es zwölf Prozent. Gleichzeitig sind Wettbewerber wie Coinbase über eigene britische Registrierungen längst im Markt, auch wenn sie unter dem neuen Regime ebenfalls neu beantragen müssen.
Der britische Antrag wäre ein Testfall für ein EU-Comeback
Der zweite Grund, warum dieses Verfahren über Großbritannien hinaus interessant ist, liegt in Athen. Binance hatte im Januar 2026 über eine griechische Holding eine MiCA-Lizenz beantragt und den Antrag am 24. Juni zurückgezogen, sechs Tage vor dem Stichtag. Vorausgegangen waren Berichte, dass die Hellenic Capital Market Commission ablehnen wollte. Wir hatten damals bereits berichtet, dass die Griechenland-Lizenz vor dem Aus stand. Seit dem 1. Juli bietet Binance in der EU keine regulären Krypto-Dienstleistungen mehr an, nur noch Auszahlungen und der Abbau von Positionen laufen weiter.
Der Knackpunkt war nicht die Papierform, sondern die Eignungsprüfung. MiCA verpflichtet die Aufsichten, Management und qualifizierte Anteilseigner auf guten Ruf zu prüfen. In den Fokus rückten dabei die Geldwäschehistorie und die fortbestehende Beteiligung von Zhao. Berichten zufolge riet die ESMA nationalen Behörden intern zur Ablehnung, zusätzlich ist von politischer Einflussnahme die Rede. Belegt ist das nicht, Zhao selbst erklärte, keine offiziellen Nachweise dafür gesehen zu haben. Nur rund 210 von mehr als 3.000 Anbietern in Europa haben die Volllizenz überhaupt geschafft.
Damit liegt auf der Hand, warum das britische Verfahren zum Indikator taugt. FCA und MiCA stellen im Kern dieselben Fragen, nämlich nach Governance, lokaler Verantwortlichkeit, Kontrollen gegen Finanzkriminalität und Eignung der Eigentümer. Wenn Binance in London überzeugt, dann wäre das ein Hinweis, dass der interne Umbau greift. Sollte man hingegen scheitern, liefert das jeder EU-Aufsicht ein zusätzliches Argument. Formal sind beide Verfahren getrennt, eine britische Erlaubnis begründet keine Rechte in der EU. Eine Signalwirkung ist jedoch nicht auszuschließen.

