Bitcoin-Kurier | News zu Bitcoin, Blockchain und Kryptowährungen
Märkte

Nach der Fed-Entscheidung fehlt Bitcoin nicht der Zins, sondern der Käufer

Kevin Warsh
Warsh im Jahr 2026 | Bildquelle: Fed via Flickr.com (PDM 1.0)

Die Fed hat den Leitzins am Mittwoch zum fünften Mal in Folge unverändert gelassen, doch drei Gegenstimmen für eine Erhöhung machen aus der Pause eine Warnung. Bitcoin reagierte kaum und notiert weiter bei rund 64.800 Dollar, während der S&P 500 die schwächste je gemessene Reaktion auf die zweite Sitzung eines neuen Notenbankchefs hinlegte. Für das dritte Quartal verschiebt sich die eigentliche Entscheidung damit auf den September.

Die US-Notenbank hat am Abend des 29. Juli 2026 das Zielband für die Federal Funds Rate bei 3,50 bis 3,75 Prozent belassen. Es war die fünfte Sitzung in Folge ohne Zinsschritt und damit exakt das, was die Terminmärkte mit rund 70 Prozent Wahrscheinlichkeit eingepreist hatten. Ungewöhnlich war nicht der Beschluss, sondern das Stimmbild. Mit 9 zu 3 Stimmen ging die Entscheidung durch, weil die Regionalpräsidenten Beth Hammack (Cleveland), Neel Kashkari (Minneapolis) und Lorie Logan (Dallas) für eine Erhöhung um 25 Basispunkte votierten. Drei Gegenstimmen in dieselbe Richtung hatte es im FOMC zuletzt im September 2016 gegeben.

Warum die Fed-Entscheidung für Bitcoin härter ist, als sie aussieht

Fed-Chef Kevin Warsh, der erst seine zweite Sitzung leitete, eröffnete die Pressekonferenz mit der Feststellung, es gebe kein weiches Inflationsziel. Jeder Wert über zwei Prozent sei für ihn nicht hinnehmbar. Die interne Kontroverse im Ausschuss bezeichnete er als produktiven Familienstreit. Einen neuen Dot Plot gab es nicht, weil die Juli-Sitzung ohne aktualisierte Projektionen stattfand. Bis September fehlt dem Markt damit die wichtigste Orientierungshilfe über den erwarteten Zinspfad.

Genau diese Mischung aus harter Rhetorik und fehlender Führung erklärt die Reaktion. Der Beschluss selbst war eine Erleichterung, weil eine Erhöhung ausblieb. Der Ton war das Gegenteil davon. Die Fed-Funds-Futures preisen inzwischen eine Wahrscheinlichkeit von 72 Prozent für eine Erhöhung auf der Sitzung am 15. und 16. September ein. Die Bank of America rechnet vor, dass ein solcher Schritt die für 2026 eingepreiste Straffung von 45 auf 60 Basispunkte heben würde.

Bitcoin bleibt ruhig, Aktien und lange Zinsen nicht

Bitcoin bewegte sich durch Beschluss und Pressekonferenz in einer engen Spanne um 64.000 Dollar. Am Donnerstagmorgen eröffnete BTC bei 63.902,90 Dollar und lag am Vormittag New Yorker Zeit knapp ein Prozent höher bei rund 64.800 Dollar. Die Marktkapitalisierung liegt damit bei etwa 1,29 Billionen Dollar. Zum Rekordhoch von knapp über 126.000 Dollar aus dem Oktober 2025 fehlen rund 49 Prozent.

An den klassischen Märkten fiel die Reaktion drastischer aus. Der S&P 500 verlor rund 1,5 Prozent, der Nasdaq 1,7 Prozent, der Dow Jones 2,19 Prozent. Bespoke Investment Group verweist darauf, dass es die schwächste je gemessene Reaktion auf die zweite Sitzung eines neuen Fed-Chefs war. Am Anleihemarkt stieg die Rendite dreißigjähriger US-Staatsanleihen um zehn Basispunkte auf etwa 5,20 Prozent und damit den höchsten Stand seit 2007, während die zweijährige Rendite um sechs Basispunkte auf 4,22 Prozent nachgab. Diese Versteilerung der Kurve ist das eigentliche Signal des Abends, denn sie zeigt, dass der Markt kurzfristig weniger Straffung erwartet, langfristig aber mehr Inflation. Gold schloss 0,27 Prozent höher bei 4.048,99 Dollar.

Auffällig ist, wie wenig Hebel im Krypto-Markt zerstört wurde. Am Vortag hatte der Rutsch auf 63.173 Dollar noch Long-Positionen über 670 Millionen Dollar liquidiert. Nach der Entscheidung waren es bei Bitcoin nur noch etwa 38 Millionen Dollar und marktweit rund 322 Millionen Dollar. Das Handelsvolumen ist zuletzt auf den niedrigsten Stand seit 2023 gefallen, der Fear and Greed Index steht bei 29 und damit im Angstbereich. Der Markt ist nicht panisch, er ist leer.

Die Makrodaten vom Donnerstag liefern keine Entlastung

Wenige Stunden nach der Sitzung kamen die Zahlen, an denen der September hängt. Die US-Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal laut erster Schätzung des Bureau of Economic Analysis mit einer Jahresrate von 1,5 Prozent, nach 2,1 Prozent im ersten Quartal und deutlich unter den von LSEG erhobenen Erwartungen von 2,1 Prozent. Getragen wurde das Wachstum von Konsum, Investitionen und Exporten, gebremst von sinkenden Staatsausgaben.

Der PCE-Preisindex für Juni fiel gegenüber dem Vormonat um 0,1 Prozent und lag im Jahresvergleich 3,7 Prozent höher, nach 4,1 Prozent im Mai. Die Kernrate ohne Energie und Lebensmittel stieg um 0,1 Prozent im Monat und 3,3 Prozent im Jahr, nach 3,4 Prozent im Mai. Die monatliche Zahl fiel damit einen Zehntelpunkt kühler aus als erwartet, die Jahresrate traf die Prognosen. Entscheidend ist der Trend. Die Kernrate liegt seit vier Monaten bei mindestens 3,3 Prozent, die längste Serie in diesem Bereich seit Herbst 2023, und sie liegt seit über fünf Jahren über dem Zwei-Prozent-Ziel. Die Arbeitslosenquote hält sich bei 4,2 Prozent.

Für Bitcoin ist das die unbequemste denkbare Kombination. Wachstum kühlt ab, die Kerninflation bleibt klebrig, und eine Notenbank mit diesem Vorsitzenden reagiert auf so eine Lage nicht mit Liquidität.

Der Ölpreis ist der Kanal, über den Q3 entschieden wird

Die eigentliche Unsicherheit für das dritte Quartal kommt nicht aus Washington, sondern aus dem Nahen Osten. Der WTI-Preis ist im Juli um fast 20 Prozent gestiegen und zeitweise über 90 Dollar je Barrel gesprungen, nachdem ein iranischer Raketenangriff auf eine US-Basis in Jordanien die Waffenruhe beendet hatte und gemeinsame amerikanisch-saudische Schläge gegen Milizen im Irak folgten. Die Gespräche zwischen Washington und Teheran stecken fest.

Die Juni-Daten sind deshalb mit Vorsicht zu lesen. Die weiche Gesamtrate verdankt sich vor allem den zuvor gefallenen Energiepreisen, während die Kernrate ohne Energie bei 3,3 Prozent klebte. Diese Entlastung ist inzwischen aufgebraucht, denn der Preissprung im Juli fällt erst in den Erhebungszeitraum der nächsten Berichte. Ein einzelner guter PCE-Wert entschärft den September deshalb nicht. Der nächste harte Test ist der Verbraucherpreisindex für Juli am 12. August.

Die Nachfrageseite ist Bitcoins eigentliches Problem im dritten Quartal

Wer die Fed-Entscheidung als alleinigen Treiber liest, übersieht das größere Muster. Die beiden Käufergruppen, die den letzten Zyklus getragen haben, sind derzeit beide abwesend.

Die US-Spot-ETFs haben im Juli nach Daten von SoSoValue netto nur rund 205 Millionen Dollar eingesammelt, bei zwei verbleibenden Handelstagen der schwächste Monatswert seit Auflage im Januar 2024. Das folgt auf Abflüsse von 2,43 Milliarden Dollar im Mai und 4,52 Milliarden Dollar im Juni. Damit ist 2026 das erste Jahr mit negativen Nettozuflüssen. Am Mittwoch flossen 32,1 Millionen Dollar zu und beendeten eine viertägige Abflussserie, wobei allein BlackRocks IBIT 89,8 Millionen Dollar einsammelte, während Fidelitys FBTC 43,08 Millionen Dollar und Arks ARKB 14,62 Millionen Dollar verloren. Mehrtägige Zuflussserien werden derzeit häufig als Rückkehr institutioneller Nachfrage gedeutet. Der Monatswert sagt etwas anderes.

Noch aufschlussreicher ist Strategy. Das Unternehmen hat nach eigenen SEC-Meldungen zum fünften Mal in Folge keine Bitcoin gekauft, der letzte Zukauf betraf mit 520 BTC für etwa 35 Millionen Dollar die Woche zum 22. Juni. Anfang Juli verkaufte Strategy sogar 3.588 BTC. Der Bestand liegt laut Formular 8-K bei 843.775 BTC zu einem durchschnittlichen Einstandspreis von 75.476 Dollar und einem Gesamtvolumen von 63,69 Milliarden Dollar. Beim aktuellen Kurs sind diese Coins rund 54,7 Milliarden Dollar wert, also etwa neun Milliarden Dollar weniger als bezahlt, und der Marktpreis liegt gut 14 Prozent unter dem eigenen Durchschnittspreis.

Stattdessen baut das Unternehmen Liquidität auf. In der Woche zum 26. Juli verkaufte Strategy 5.429.160 MSTR-Aktien über das At-the-Market-Programm und erlöste netto 544,5 Millionen Dollar, in den beiden Wochen davor rund 467 Millionen und 263,5 Millionen Dollar. Die Dollar-Reserve stieg damit laut 8-K vom 27. Juli auf 3,75 Milliarden Dollar, was nach Firmenangaben etwa 2,1 Jahre der jährlichen Dividendenverpflichtungen von rund 1,76 Milliarden Dollar deckt. Die MSTR-Aktie notiert bei etwa 96,66 Dollar und damit rund 76 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 414,36 Dollar. Jeder eingesammelte Dollar kostet also erheblich mehr Verwässerung als vor einem Jahr. Die Quartalszahlen nach US-Börsenschluss am 30. Juli, für die Analysten einen Verlust von 2,19 Dollar je Aktie bei einem Umsatz von 121,88 Millionen Dollar erwarten, werden zeigen, ob die Pause anhält.

Das lange Ende der Zinskurve erzählt die andere Geschichte

Dominic Weibel, Head of Research bei Bitcoin Suisse, liest den Entscheid als Beginn eines neuen Fed-Regimes. Unter Kevin Warsh setze die Notenbank weniger Leitplanken und überlasse dem Markt wieder das Steuer, schreibt er in einem Marktkommentar. Die heftigen Bewegungen in beide Richtungen rund um den Termin zeigten, dass die Märkte diese neue Eigenverantwortung erst noch verdauen müssten. Gleichzeitig werde der Ton restriktiver, weil drei von zwölf Mitgliedern für eine Erhöhung stimmten und die Wahrscheinlichkeit eines Schritts im September gestiegen ist.

Für Bitcoin und andere Risikoanlagen bedeutet das nach Weibels Einschätzung kurzfristig Gegenwind, denn höhere Finanzierungskosten binden Liquidität und machen vermeintlich sichere Renditen wieder zu einer ernsthaften Alternative. Die spannendere Geschichte erzählt aus seiner Sicht allerdings das lange Ende der Zinskurve. Die Fed habe den Leitzins nicht angehoben, doch Teile des Treasury-Marktes hätten die Straffung gewissermaßen selbst übernommen. Dass die dreißigjährige Rendite auf ein Niveau von 2007 zurückkehrt, während die zweijährige fällt, deutet er als Zeichen dafür, dass der Markt Inflation, Fiskalrisiken und langfristige Unsicherheit zunehmend auf eigene Rechnung preist.

Aus diesem Datum leitet Weibel ein längerfristiges Argument ab. In jenem Jahr begann sich die globale Finanzkrise zu entfalten, aus deren institutionellem Vertrauensbruch Bitcoin hervorging. Satoshi Nakamoto verewigte Anfang 2009 im Genesis Block eine Schlagzeile über einen erneuten Banken-Bailout und machte damit deutlich, welches Problem das Netzwerk adressieren sollte. Steige die Risikoprämie auf langfristige Staatsverschuldung und bekomme das Vertrauen in traditionelle Wertspeicher Risse, öffne sich mehr Raum für alternative „belief assets“, für die Gold, Bitcoin und Ether nach seiner Lesart am unmittelbarsten stehen. Kurzfristig drücke die hohe Rendite auf die Liquidität, langfristig erinnere sie den Markt an die Investmentthese hinter knappen und nichtstaatlichen Vermögenswerten.

Ausblick auf das restliche dritte Quartal

Drei Termine strukturieren den Rest des Quartals. Am 12. August kommen die Verbraucherpreise für Juli, Ende August die Kernrate des PCE für Juli, und am 15. und 16. September entscheidet das FOMC mit neuen Projektionen und einem frischen Dot Plot. Bis dahin handelt Bitcoin in einem Regime, das nicht von krypto-eigenen Treibern bestimmt wird.

Charttechnisch liegt der erste Widerstand zwischen 65.000 und 65.500 Dollar, also am oberen Rand der Spanne, in der Bitcoin seit Wochen handelt. Hält die Unterstützung um 62.500 Dollar nicht, rückt der Bereich um 58.200 Dollar in den Blick.

Bemerkenswerter als diese Marken ist die Frage nach dem marginalen Käufer. Eine Zinssenkung ist im dritten Quartal praktisch ausgeschlossen, und eine Erhöhung wäre die erste seit drei Jahren. Damit fällt der Treiber weg, der einen Teil des Aufwärtstrends 2024 und 2025 erklärt hat. Ob Bitcoin die Spanne der letzten Wochen verteidigt, dürfte deshalb weniger von Warshs Wortwahl abhängen als davon, ob ETF-Zuflüsse und Unternehmensbilanzen als Nachfrage zurückkehren. Solange der Juli-Monatswert bei 205 Millionen Dollar liegt und der größte Unternehmenshalter Aktien verkauft, um Dividenden zu bedienen, statt Coins zu kaufen, fehlt dem Markt die Seite, welche die Schwäche auffängt.

Newsletter abonnieren

Don't miss out!
Invalid email address

Das könnte dich auch interessieren

Diese 4 Faktoren können Bitcoin aus dem Bärenmarkt holen

Alexander Mayer

Bitcoin: Dieser „ehrliche“ Indikator signalisiert jetzt einen Bärenmarkt-Boden

Alexander Mayer

Warum Bitcoin unter 60.000 Dollar fiel und nun zäh um die Marke ringt

Robert Steinadler