Es war ein Satz, den viele im Bitcoin-Kosmos nicht für möglich gehalten hatten: Michael Saylor erklärte beim Q1-Earnings-Call am 5. Mai, er würde einen Bitcoin-Verkauf nicht ausschließen, sofern er den Interessen von Strategy diene. Damit ist eine Ära zu Ende gegangen. Das jahrelange „Never Sell“-Mantra, das Saylor zur Legende gemacht hatte, ist offiziell Geschichte.
Das Ende eines Dogmas
Strategy, der weltgrösste Unternehmenshalter von Bitcoin und Pionier des Bitcoin-Treasury-Modells, hielt seinen Q1-2026-Earnings-Call am 5. Mai ab. Die zentrale Botschaft, die erhebliche Aufmerksamkeit auf sich zog: das Unternehmen signalisiert explizit die Bereitschaft, Teile seiner Bitcoin-Bestände taktisch zu verkaufen.
CEO Phong Le formulierte es unzweideutig: „Wir werden Bitcoin verkaufen, wenn es für das Unternehmen vorteilhaft ist. Wir werden uns nicht einfach zurücklehnen und sagen: Wir verkaufen Bitcoin niemals. Wir wollen netto Bitcoin akkumulieren und vor allem unseren Bitcoin-Bestand pro Aktie steigern.“
Saylor selbst lieferte eine interessante Begründung. Er verglich Strategy mit einem Immobilienentwickler: „Wenn Sie Land für 10.000 Dollar pro Acre kaufen und es für 100.000 Dollar verkaufen, sagt niemand, das sei schlecht für den Immobilienmarkt. Wir sind so etwas wie ein Bitcoin-Entwicklungsunternehmen.“
Milliardenverluste als Auslöser
Der Kontext ist entscheidend: Strategy meldete im ersten Quartal 2026 einen Nettoverlust von 12,54 Milliarden US-Dollar, ausgelöst durch unrealisierte Bitcoin-Bewertungsverluste in Höhe von 14,46 Milliarden Dollar. Es ist bereits der dritte Quartalsverlust in Folge.
Der Kursrückgang von Bitcoin um 23 Prozent im Berichtszeitraum hat die Position empfindlich getroffen: Strategy hält rund 818.334 Coins, was etwa 3,9 Prozent des gesamten im Umlauf befindlichen Bitcoins entspricht. Der durchschnittliche Einstandspreis liegt bei rund 75.500 Dollar pro Coin.
Hinzu kommt eine ausstehende Dividendenverpflichtung von rund 1,5 Milliarden Dollar, einschließlich annualisierter Vorzugsdividenden und Zinsen auf ausstehende Schulden. Auf Basis der Dollarreserven verfügt das Unternehmen über eine Dividendendeckung von rund 18 Monaten.
Genau das ist Saylors erklärtes Ziel: Er wolle Bitcoin verkaufen, um eine Dividende zu finanzieren, „einfach um den Markt zu immunisieren“. An Short-Seller adressiert formulierte er: „Wenn eure These lautet, das Unternehmen muss Aktien verkaufen, um Dividenden zu finanzieren, dann würde ich nichts lieber tun, als euch die Flügel zu stutzen.“
Vom Akkumulator zum aktiven Kapitalverwalter
Der jüngste Earnings-Call markiert einen subtilen, aber bedeutsamen Wandel in Strategys Ansatz: Statt Bitcoin passiv aufzustapeln, soll die Bilanz künftig aktiver verwaltet werden, um den Wert des Bitcoin-Bestands je Aktie zu maximieren.
Das ist ein fundamentaler Perspektivwechsel. Bitcoin wird damit nicht länger als unantastbares Heiligtum behandelt, sondern als zu optimierender Bilanzposten. Ob man das für richtig oder falsch hält, ist eine Frage der Überzeugung. Was es jedoch zweifellos verändert: das Narrativ, auf das sich das gesamte Bitcoin-Treasury-Universum stützte.
Ein angeschlagenes Ökosystem
Der Zeitpunkt des Wandels ist kein Zufall. Das breite Bitcoin-Treasury-Ökosystem steckt bereits seit Monaten in der Krise. Die Zukäufe von Bitcoin haben sich faktisch auf ein einziges Unternehmen konzentriert. Strategy erwarb allein im vergangenen Monat rund 45.000 BTC, während alle anderen Treasury-Unternehmen zusammen nur rund 1.000 BTC kauften. Strategy kontrolliert damit etwa 76 Prozent aller von Treasury-Unternehmen gehaltenen Bitcoin.
Die „Copycats“ sind vielfach gescheitert. Unternehmen wie Semler Scientific verloren seit Jahresbeginn rund 74 Prozent ihres Börsenwerts. Auch Nakamoto Holdings handelt mit einem Abschlag von 63 Prozent auf seinen Bitcoin-Bestand.
Dabei war das Modell noch im Sommer 2025 en vogue. Über 220 Unternehmen weltweit haben laut BitcoinTreasuries.net eine Version des Bitcoin-Treasury-Modells übernommen, darunter Metaplanet in Japan, das 100.000 BTC bis Ende 2026 anstrebt.
Was die Kehrtwende für das Ökosystem bedeutet
Strategys neues Selbstverständnis sendet ein zweischneidiges Signal an den Markt. Einerseits stärkt es die Glaubwürdigkeit des Unternehmens. Wer signalisiert, Bitcoin auch verkaufen zu können, ohne in Panik zu verfallen, beweist Reife im Kapitalmanagement. Investoren richten ihren Fokus zunehmend von reinen Bitcoin-Beständen auf Liquidität, Governance und Bilanzresilienz. Das langfristige Überleben digitaler Treasury-Unternehmen wird von diszipliniertem Kapitalmanagement und Transparenz abhängen.
Andererseits untergräbt es das ideologische Fundament des gesamten Modells. Das stärkste Argument für Bitcoin-Treasury-Unternehmen gegenüber einem schlichten ETF-Investment war stets die kompromisslose Überzeugung: Bitcoin wird gehalten, egal was passiert. Dieses Alleinstellungsmerkmal erodiert nun.
Für die verbliebenen Treasury-Firmen, die bereits mit Bewertungsabschlägen kämpfen, ist das eine weitere schlechte Nachricht. Wenn ein Unternehmen zu einem Preis bewertet wird, als ob Bitcoin fünfmal so teuer wäre wie tatsächlich, funktioniert das Modell nur solange, wie das Vertrauen in die absolute Überzeugung des Halters intakt bleibt. Strategy bricht genau dieses Vertrauen auf.
Unterm Strich lässt sich der Paradigmenwechsel bei Strategy unterschiedlich lesen. Optimisten sehen ein Unternehmen, das sich von Dogma befreit und erwachsen wird. Pessimisten sehen einen Glaubenssatz, der unter dem Druck von 12 Milliarden Dollar Quartalsverlust einknickte.
Eines ist sicher: Die Geschichte der Bitcoin Treasury Companies teilt sich in ein Vor und ein Nach dem 5. Mai 2026. Was Saylor jahrelang als unumstößlichen Grundsatz verkündete, ist nun Verhandlungssache. Und der Markt wird sehr genau beobachten, wann genau Strategy diesen ersten Verkauf tatsächlich ausführt, und was er damit auslöst.

