Nach mehreren starken Wochen ist der Bitcoin-Kurs zuletzt wieder unter Druck geraten. Der 200-Tage-Trend hat sich im Verlauf der letzten Woche als vorerst unüberwindbarer Widerstand erwiesen und den Kurs in einer anschließenden Korrektur wider bis an die Unterstützungszone bei 76.000 Dollar gebracht, auf deren Niveau aktuell auch das Bullmarket-Supportband notiert.

Damit beginnt der entscheidende Test, ob es sich bei dem Run bis an den 200-Tage-Trend nur um eine Bärenmarktrally in einem übergeordneten Abwärtstrend gehandelt hat, oder ob der Kurs die aktuelle Unterstützungszone halten und einen neuen Angriff auf die Trendlinie starten kann.
Das bewegt den Markt
Die Inflationssorgen rücken wieder in den Fokus der Märkte, da sich weiterhin keine Zeichen der Deeskalation im Iran-Krieg und damit in der Öl-Versorgungskrise abzeichnen. Damit steigt das Risiko einer wiederkehrenden Inflationswelle wie zuletzt ausgelöst durch die Corona-Krise. Mehrere Faktoren spielen neben dem stark gestiegenen Öl-Preis dabei eine Rolle: Die Märkte haben teilweise immer noch mit den Folgen des Handelskrieges aus dem Vorjahr zu kämpfen; Lieferketten sind weiterhin gestört; Die Energiekosten steigen durch den Krieg; Die weiterhin rapide steigenden Staatsdefizite und fiskalischen Stimuli in den USA sind ein zusätzlicher Inflationstreiber.
Der Anleihemarkt wird zum Epizentrum der Krise
Vergleicht man die Aktien- und die Anleihemärkte, sieht man aktuell eine enorme Diskrepanz am Markt. Die US-Märkte befinden sich weiterhin auf Rekordjagd, angetrieben durch die extreme Wachstumsfantasie der KI-Ökonomie, in die dreistellige Milliardenbeträge zum Ausbau dieser Infrastruktur gesteckt werden. Doch auch insgesamt zeigt diese Berichtssaison starke Gewinnniveaus bei den Unternehmen.
Auf der anderen Seite steigen die Zinsniveaus an den Anleihemärkten aktuell drastisch an und signalisieren eine zunehmende Risikobewertung des Marktes, aufgrund der Inflationssorgen. Die Renditen der 10-jährigen US-Staatsanleihen – das wichtigste Benchmark für die globalen Kreditmärkte – sind mit über 4,6 Prozent zuletzt auf ein Hoch seit 15 Monaten gestiegen. Die 30-jährigen Treasuries sind mit einem Wert von über 5,1 Prozent sogar auf einem 20-Jahreshoch.
Während an den Aktienmärkten klar die KI-getriebene Wachstumseuphorie dominiert, signalisieren die Anleihemärkte eine klare Warnung: Die Angst vor steigender Inflation, höheren Importkosten, steigenden Energiepreisen, geopolitischen Risiken, sowie vor allem wachsende Zweifel an der fiskalischen Stabilität und der zukünftigen Geldpolitik unter dem neuen Fed-Chef Kevon Warsh.
Was passiert, wenn die Anleihezinsen zu hoch steigen? Nichts Gutes
Die größte Gefahr steigender Zinsen besteht für die Refinanzierungsfähigkeit der US-Regierung. Die USA haben mittlerweile einen Schuldenberg von fast 40 Billionen Dollar angehäuft. Jeder Anstieg der Zinsen verteuert die Refinanzierung alter Schulden und die Aufnahme neuer (das aktuelle Defizit liegt bei ca. 2 Billionen Dollar). Die Zinsausgaben sind bereits der zweitgrößte Posten im Haushalt und könnten weiter explodieren – ein Prozentpunkt höhere Zinsen kostet langfristig Hunderte Milliarden zusätzlich.
Je mehr das Vertrauen sinkt, desto höher wird das Risk-Premium, dass die Märkte bei neuen Anleiheemissionen verlangen. Das könnte zu weiteren Abstufungen der Kreditwürdigkeit (wie kürzlich von der Ratingagentur Moody’s angedeutet) und noch höheren Zinsen führen – ein Teufelskreis. Die politischen Konsequenzen werden im Extremfall bei einem Zwang zu Ausgabenkürzungen, Steuererhöhungen oder Schuldenobergrenzen-Streitigkeiten führen. Angesichts der Spaltung der beiden Lager hat die Regierung jedoch wenig politischen Spielraum in dieser Beziehung, was zu einem neuen Shutdown und weiterem Druck auf dem Finanzsystem führen kann.
Für die US-Wirtschaft wären weiter steigende Zinsen ebenfalls ein großer Belastungsfaktor. Unternehmenskredite und Autofinanzierungen würden teurer, da der 10-jährige Zins der Benchmark für Kredite dieser Art ist. Das dämpft den Konsum und Investitionen. Infolge kühlt die Wirtschaft ab, es gibt weniger Wachstum und ein höheres Rezessionsrisiko, wenn der Anstieg zu schnell oder zu hoch wird. Gleichzeitig kann anhaltende Inflation die Fed zwingen, die Leitzinsen länger hoch zu halten oder sogar anzuheben.
Für die globalen Finanzmärkte würden weiter steigende US-Zinsen ebenfalls zum relevanten Faktor. Höhere US-Zinsen ziehen Geld in sichere US-Staatsanleihen. Kapitalabflüsse aus Schwellenländern und anderen Bonds waren die Folge. Das stärkt den Dollar, schwächt andere Währungen und führt zu höheren Finanzierungskosten und Währungsturbulenzen. Schnelle Zins-Anstiege signalisieren oft Unsicherheit (Inflation + Fiskalrisiken). Das kann zu breiteren Sell-offs führen – in Aktien, Krediten und Rohstoffen – und die Finanzierungsbedingungen weltweit verschärfen.
Im schlimmsten Fall kann es zu einer Liquiditätskrise ähnlich wie in den Krisenjahren 2008 und 2020 kommen und weitere extreme geldpolitische Rettungsmaßnahmen erfordern.
Was bedeutet das für Bitcoin?
Ein Eskalationsszenario an den Anleihemärkten hätte mehrstufige Effekte, die wahrscheinlich einen sehr unterschiedlichen Einfluss auf die Bitcoin-Preisentwicklung hätten. Initial würde ein Sell-Off an den Aktienmärkten sehr wahrscheinlich auch vor Bitcoin keinen Halt machen. Bitcoin ist ein liquides Asset und anders als Aktien zu jeder Zeit handelbar. In Sell-Off-Phasen war bereits des Öfteren zu beobachten, dass Bitcoin als erstes und deutlich reagiert hat, da Marktteilnehmer gezwungen sind, Liquidität zu schaffen und als Erstes das aus den Balancesheets werfen, was am einfachsten liquidiert werden kann.
Grundsätzlich lässt sich in den letzten Jahren beobachten, dass in echten Krisenphasen alle Assets an den Finanzmärkten temporär eine Korrelation von 1 haben, da die Märkte mittlerweile sehr von Liquidität abhängig sind, viel Fremdkapital eingesetzt wird und diese Fragilität im Zweifel zu einem breiten Abverkauf aller Vermögenswerte führt, zumindest in einer initialen Krisenreaktion.
Die strukturelle Veränderung der Marktdynamik durch den Einstieg der institutionellen Investoren hat die Volatilität bei Bitcoin zwar heruntergeschraubt, doch in einem echten Krisenszenario an den Anleihemärkten dürfte es auch in diesem Bereich zu deutlichen Abverkäufen kommen.
Entscheidend ist, was in Reaktion auf ein mögliches Szenario wie dieses erfolgt. Sehr wahrscheinlich wird die Federal Reserve gezwungen sein, die Anleihemärkte mit künstlicher Liquidität aufzufangen. Diese Maßnahme hat die Märkte in vergangenen Krisenszenarien stabilisiert und die Erwartungshaltung der Märkte an die Fed ist über die Jahre hinweg nur noch größer geworden.
Solange das grundsätzliche Vertrauen – beziehungsweise die Akzeptanz der Struktur des aktuellen Finanzsystems durch die Marktteilnehmer – nicht vollständig wegfällt, wird weitere Liquidität wahrscheinlich ähnlich wie in vergangenen Krisenszenarien ihre Wirkung auf Vermögenswerte entfalten und zu steigenden Kursen führen.
Für Bitcoin wäre ein Krisenszenario an den Anleihemärkten eine ganz spezielle Situation, da das Asset sich in einer Transitionsphase befindet, weg vom reinen Spekulationsobjekt und mehr hin zu einem alternativen Wertspeicher, der auch auf institutioneller und sogar staatlicher Ebene mehr Akzeptanz und Wertschätzung erhält. Grundsätzlich liefert das den Spielraum dafür, dass Bitcoin kurzfristig im Einklang mit den Gesamtmärkten unter Druck geraten, mittel- und langfristig jedoch deutlich von einem solchen Szenario profitieren kann, da seine Stärken als autonomes System stärker in den praktischen Nutzen kommen.
Denken Sie langfristig!
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