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Bitcoin (BTC): Ist diese Kursrally Risk-On oder Risk-Off?

Bitcoin Münzem auf grünem Chart
Bildquelle: © Alvaro - stock.adobe.com

Bitcoin macht charttechnisch spätestens seit dem „Uptober“ wieder ein gutes Gesicht. Nach der Ausbruchsrally über den 200-Tage-Trend hat der Kurs es sich derzeit in einer Spanne zwischen 34.000 und 35.000 Dollar gemütlich gemacht.

Argumentationsspielraum liefert die Frage nach der Natur dieser Rally. Grundsätzlich hat Bitcoin in den letzten Jahren definitiv den Charakter eines Risk-On-Assets gezeigt und weist eine starke Korrelation mit den Aktienmärkten auf. Das gilt besonders für den S&P 500 und den Technologieindex Nasdaq. In einem Umfeld, in dem das Geld locker sitzt und Anleger eher bereit sind, spekulativere Positionen einzugehen, konnte Bitcoin besonders stark performen.

Bitcoin eignet sich als Spekulationsobjekt besonders gut, um von der Geldmengenausweitung der Zentralbanken zu profitieren. Im Einklang mit den Aktienmärkten weist Bitcoin daher auch eine enge Korrelation mit der Geldmengenveränderung auf. Im Detail habe ich das in einer meiner letzten Kolumnen beleuchtet.

Ein Wechsel in der Dynamik der Preisentwicklung?

Doch seit diesem Jahr ist eine Veränderung im Preisverhalten von Bitcoin erkennbar. Im März 2023, als sich das erste Kapitel einer neuen Bankenkrise in den USA ausgespielt hat und unter anderem die Silicon Valley Bank, die für den Krypto-Sektor wichtigen Banken Signature und Silvergate, sowie die First Republic Bank untergegangen sind, hat der Bitcoin-Preis sehr positiv auf die Umstände reagiert.

Auch die jüngste Rally hat einen ähnlichen Charakter. Während ein Großteil des Krypto-Sektors den Grund eher in neuen Gerüchten um eine Zulassung des Bitcoin Spot ETFs gesehen hat, könnte der eigentliche Preistreiber ein wachsender Vertrauensverlust in US-Staatsanleihen und damit das Dollar-System sein.

Die Zinsen am langen Ende der Zinskurve sind in den letzten Monaten deutlich angezogen. Investoren waren weniger bereit, langlaufende Staatsanleihen zu kaufen – das hat zu einem Kursverlust und einem Zinsanstieg bei den entsprechenden Papieren geführt. Die zunehmend außer Kontrolle geratende Schuldensituation der USA, gepaart mit der immer noch restriktiven Geldpolitik der US-Notenbank, machen langlaufende Anleihen unattraktiver, da die Unsicherheit über den langfristigen Ausgang dieses Dilemmas wächst. Bitcoin als autonom funktionierendes – und vor allen Dingen weder inflationierbares noch manipulierbares – Asset wird daher als Zufluchtsort für Kapital zunehmend attraktiver. In Ansätzen ist ein Wechsel von einem Risk-On- zu einem Risk-Off-Charakter erkennbar.

Der S&P 500 wird die Antwort liefern

Auf kurzfristiger Ebene hat die enge Korrelation zwischen Bitcoin und den Aktienmärkten ausgesetzt. Das ist ein weiteres Indiz für diese Veränderung der Bitcoin-Preisdynamik. Während Bitcoin sich seit seinem Ausbruch über 34.000 Dollar nun seit einiger Zeit in einer Seitwärtsbewegung befindet, konnten die Aktienmärkte in den letzten Tagen eine extreme Erholungsrally hinlegen. Die Antwort auf die Frage, ob Bitcoin sich preistechnisch von den Aktienmärkten entkoppeln kann, könnte daher vor allem der S&P 500 liefern.

Die starke Erholung des S&P 500 wurde durch eine Reihe von Ereignissen in der letzten Woche ausgelöst. Die US-Notenbank Federal Reserve hat am Mittwoch entschieden, erneut keine weitere Zinserhöhung durchzuführen. Damit ist ein Ende der Zinserhöhungsphase zunehmend wahrscheinlicher geworden. Hinzukommen schwache Jobdaten aus dem entsprechenden Report am Freitag. Die US-Wirtschaft sendet Signale für eine Abschwächung, was die Inflation eindämmen und der Fed weiteren Spielraum dafür geben dürfte, von der straffen Geldpolitik abzurücken. Ein letzter wichtiger Punkt war die Schuldenplanung der USA für die nächsten Monate, die positiv überrascht hat, da die Regierung etwas weniger Schulden als geplant aufnimmt und diese eher am kurzen Ende, da sie nicht beabsichtigt, die hohen Zinsen am Anleihemarkt in einem langen Zeitraum mitzunehmen.

Die Reaktion der Märkte lässt sich so interpretieren, dass nun vermehrt mit einem Umfeld günstigerer Liquiditätsbedingungen gerechnet wird, während die US-Wirtschaft weiterhin stabil bleibt. Das Szenario eines „Soft Landings“ wird weiterhin eingepreist.

Auf der Bärenseite gibt es jedoch eine Menge Argumente, die dafürsprechen, dass die Erholungsrally an den Märkten kurze Beine haben könnte. Die nun erkennbare Abschwächung des Arbeitsmarktes könnte sich durchaus zu einer deutlichen Verlangsamung der Wirtschaft entwickeln, die Konsumentenausgaben und Unternehmensgewinne in den nächsten Quartalen stark beschneiden wird. Die US-Konsumenten bleiben dabei der wichtigste Baustein, denn die heimische US-Wirtschaft macht ein Großteil ihres Umsatzes im Konsum- und Dienstleistungsgeschäft.

Bisher halten sich die Konsumentenausgaben in den USA robust, doch ein Blick auf die Kreditsituation der US-Verbraucher zeigt, dass sich der Wind bald drehen könnte. Nach einem deutlichen Boost des verfügbaren Kapitals durch die Stimuli in der Pandemie-Phase schmelzen die Ersparnisse vieler Privathaushalte zunehmend weg. Die hohe Inflation der letzten zwei Jahre hat ihr übriges dazu beigetragen, da die Lohnentwicklung nicht mit der Teuerung mithalten konnte. Zum ersten Mal seit der Finanzkrise 2008 und der Pandemie 2020 sinken die Netto-Ersparnisse der Privathaushalte in den USA.

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Konsumenten sind nun zunehmend auf Kredite angewiesen, um ihre Ausgaben zu decken. Im August diesen Jahres haben laut CNN die Kreditkartenschulden in den USA mit dem Überschreiten der Marke von einer Billionen Dollar einen neuen Rekord erreicht. Hinzukommt, dass mehr als 40 Millionen Amerikaner seit Oktober 2023 ihre Studienkredite wieder bedienen müssen, die von der Regierung während der Pandemie-Phase ausgesetzt wurden, um die Wirtschaft zu stützen. Die finanzielle Situation vieler US-Konsumenten dürfte sich in den nächsten Monaten daher verschlechtern und dies dürfte weiteren Druck auf die Wirtschaft ausüben.

Im Oktober, im Zuge der Berichtssaison für das dritte Quartal 2023, haben Analysten bereits die Gewinnerwartungen für viele Unternehmen für das vierte Quartal deutlich gesenkt. Schwächere finanzielle Bedingungen für Konsumenten liefern Enttäuschungspotenzial für die kommenden Quartale. Sollten sich die verschärfenden Bedingungen zu einer ernsten Abschwächung der US-Wirtschaft ausspielen, dürfte das noch einen Tribut von den Aktienmärkten verlangen.


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Der S&P 500 konnte den Bruch seines Aufwärtstrends aus dem Bärenmarkttief, sowie den Verlust des 50- und vor allem des 200-Tage-Trends durch die jüngst gesehene, beeindruckende Rally wieder gut machen. Sollte dem Index jedoch kein nachhaltiger Ausbruch über das Level von 4.400 Punkten gelingen, dann wäre dies ein weiteres tieferes Hoch in dem Abwärtstrend seit Juli 2023 und ein Retest des 200-Tage-Trends und wahrscheinlich auch des zuletzt als wichtigem Support aufgetretenen Bereichs um 4100 Punkten wäre wahrscheinlich.

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Sollte Bitcoin sich wirklich in einem neuen, langfristigen Aufwärtstrend befinden, der aufgrund eines Wechsels von Risk-On- zu Risk-Off-Dynamiken unabhängig von den Aktienmärkten funktionieren kann, dann dürfte kein entsprechender Pullback bei Bitcoin auftreten. Ein Retest der Ausbruchsmarke von Bitcoin auf dem Niveau von 32.000 Dollar ist plausibel, da Gewinnmitnahmen und Retests der Ausbruchslevels als Bestätigung einer charttechnischen Unterstützung nach einer starken Rally häufig auftreten. Doch sollte eine herbe Korrektur im S&P 500 den Bitcoin-Kurs wieder unter die Ausbruchslevels drücken, wäre die These einer Aufhebung der Korrelation vorerst invalidiert.

Bildquelle: Tradingview

Fazit aus der Investment-Perspektive

Das langfristige Bild bleibt entscheidend. Es ist fraglich, ob die Zinsen noch lange auf den derzeitigen Niveaus verharren können. Sowohl der wachsende Druck auf die Wirtschaft als auch der generelle, riesige Bedarf an neuen Schulden durch die US-Regierung und Refinanzierungen von Unternehmen wie Privathaushalten sprechen gegen eine längere Phase mit hohen Zinsen. Hinzukommt der US-Bankensektor, der aufgrund der historisch schnellen Zinserhöhung defacto insolvent ist und nur durch ein Notfallliquiditätsprogramm der Federal Reserve über Wasser gehalten wird. Anhaltend hohe Zinsen lassen auch die Zeitbombe in den Balancesheets der Banken durch im hohen Buchverlust stehende Staatsanleihen immer schneller ticken.

Ein Szenario, indem die Fed zu einer expansiven Geldpolitik zurückkehren muss, ist aufgrund der – mittlerweile – strukturellen Abhängigkeit des Systems sehr wahrscheinlich. Und selbst wenn die Rückkehr in ein solches Szenario von einem Crash an den Finanzmärkten begleitet wird, dürften sowohl Aktien als auch Bitcoin langfristig einmal mehr von einer expansiven Geldpolitik profitieren und die Kurse enorm anziehen. Man darf jedoch nicht vergessen, auf welchem Fundament solche Kurssteigerungen beruhen: auf einer Abwertung des Dollars als Messwert für sämtliche Vermögenswerte an den Finanzmärkten, sowie mit verzögertem Effekt auch für Produkte und Dienstleistungen in der Realwirtschaft. Der wahre – und anhaltende – Crash liegt im stetigen Kaufkraftverlust des Dollars.

Denken Sie langfristig!

Die Fed hat erneut eine Zinspause eingelegt und argumentiert, dass man wahrscheinlich bereits genug getan hat, um die Inflation zu bekämpfen. Der wahre Grund für die Zinspause könnte jedoch um einiges besorgniserregender sein. Alle Infos erfahren Sie in der neusten Video-Ausgabe des decentralist Krypto Reports.

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