Die Ethereum Foundation hat ihren monatelangen Umbau abgeschlossen: 54 Mitarbeitende müssen gehen, rund 20 Prozent der Belegschaft. Gleichzeitig stellt sich die Stiftung hinter dem zweitgrößten Krypto-Netzwerk in fünf neue Arbeitsbereiche auf. Der Schritt fällt in eine Phase mit schwachem ETH-Kurs und einem auffälligen Aderlass in der Führungsetage.
Die Ethereum Foundation (EF) – die gemeinnützige Stiftung, die die Entwicklung der Ethereum-Blockchain koordiniert und mitfinanziert – hat am Dienstag, dem 23. Juni 2026, einen monatelangen Umbau für beendet erklärt. In einem Blogbeitrag kündigte das Management an, sich von 54 Mitarbeitenden zu trennen, was etwa einem Fünftel der Belegschaft entspricht. Hintergrund sind zwei zuvor beschlossene Grundsatzpapiere: das im März 2026 veröffentlichte „Mandat“ und die bereits aus dem Juni 2025 stammende Treasury-Policy, also die Leitlinie für den Umgang mit den Reserven der Stiftung. Das erklärte Ziel: eine schlankere, fokussiertere Organisation, die sich auf Aufgaben konzentriert, die „nur die EF“ übernehmen kann – ohne, wie es im Beitrag sinngemäß heißt, sich von kurzfristigen Marktschwankungen treiben zu lassen.
Die neue Struktur: fünf Cluster plus Verwaltung
Inhaltlich rückt die EF nach eigenen Angaben sogenannte CROPS-Eigenschaften in den Mittelpunkt – englisch für censorship resistant, open source, private, secure, also zensurresistent, quelloffen, privat und sicher. Operativ ordnet sie sich dafür in fünf inhaltliche Arbeitsbereiche mit jeweils eigener Verantwortung und Struktur:
- Protokoll-Cluster: der Kern. Er härtet und skaliert das Basisprotokoll und soll es zensur- und übernahmeresistent halten. Dazu zählen Langfrist-Themen wie Post-Quanten-Sicherheit, die zkEVM und Privatsphäre auf dem Layer 1.
- Zugangs-Cluster: soll sicherstellen, dass Nutzer die Blockchain lesen, Transaktionen durchführen und ihr Guthaben jederzeit ohne Zwischenhändler bewegen können. Leitprinzip ist die „Null-Option“: Zu jedem vermittelten Weg muss ein glaubwürdiger Weg ohne Mittelsmann bestehen bleiben.
- Nutzer-Cluster: hält die Arbeit der EF an realen Nutzern und Organisationen ausgerichtet und speist deren Bedürfnisse in Protokoll- und Zugangsentscheidungen ein.
- Community-Cluster: verantwortet das öffentliche Auftreten der EF und soll sie klar abgrenzen – von „Nullsummen-Finanzkrypto“ und „von Konzernen vereinnahmter Krypto“, wie es im Blog heißt.
- Institutioneller Cluster: betreut die Zusammenarbeit mit Banken, Unternehmen, Behörden und Hochschulen und verfolgt politische sowie regulatorische Entwicklungen.
Hinzu kommen ein Operations-Cluster für die internen Abläufe und ein Management-Cluster. Deshalb könnte man auch von einer Sieben-Cluster-Struktur sprechen, für die EF selbst zählen scheinbar jedoch nur diese fünf inhaltlichen Cluster.
Die ausscheidenden Beschäftigten erhalten eine Abfindung – den jeweils höheren Wert aus einem Monatsgehalt pro Dienstjahr oder dem im jeweiligen Land gesetzlich vorgeschriebenen Minimum. Dazu kommen ein kleiner Übergangszuschuss, etwa für Karriere-Coaching, und Hilfe bei der Suche nach neuen Aufgaben im Ökosystem. Es ist dasselbe Paket, das die EF bereits den Abgängern der vergangenen Monate angeboten hatte. Viele der Betroffenen, so die Stiftung, dürften Ethereum künftig von außerhalb der EF weiter unterstützen.
18 Monate Umbau – und ein Aderlass an der Spitze
Die Entlassungen sind der formale Schlusspunkt einer rund 18-monatigen Transformation, die Führung und Personal der EF spürbar umgekrempelt hat. Den Anstoß gab Mitgründer Vitalik Buterin, der Anfang 2025 weitreichende Führungswechsel ankündigte – auch nachdem Stimmen wie die von Ethereum-Mitgründer Joseph Lubin eine neue Richtung gefordert hatten. In der Folge rückten Hsiao-Wei Wang und Tomasz Stańczak an die Doppelspitze.
Beide sind inzwischen weg: Stańczak verließ die EF im Februar 2026, Wang Anfang Juni 2026. Dazu kommt eine Reihe weiterer ranghoher Abgänge, darunter Josh Stark, die Protokoll-Leads Tim Beiko und Barnabe Monnot sowie die Forscher Carl Beek und Julian Ma. Seit Jahresbeginn sollen Berichten zufolge rund 19 Beschäftigte und Führungskräfte gegangen sein, davon etwa neun in ranghohen Funktionen. Board-Mitglied Bastian Aue übernahm zuletzt erweiterte Verantwortung für den Übergang und das Tagesgeschäft. Die auf Privatsphäre und Skalierung spezialisierte Forschungseinheit Privacy and Scaling Explorations soll als eigenständiges Team aufgelöst, ihre Themen teils anderswo fortgeführt oder eingestellt werden.
Finanziell steht hinter dem Umbau die Treasury-Policy: Sie sieht vor, die jährlichen Ausgaben von zuletzt rund 15 Prozent der Reserven schrittweise auf langfristig etwa 5 Prozent zu senken. Buterin hat die Einschnitte öffentlich als finanziell notwendig und strategisch dargestellt.
Ethlabs – die Gegenbewegung von außen
Schon am Tag vor der EF-Ankündigung, am 22. Juni 2026, ging eine neue gemeinnützige Forschungs- und Entwicklungsorganisation namens Ethlabs an den Start. Ihr Ziel ist es, Ethereum für die institutionelle Adoption und die nächste Wachstumsphase fit zu machen. Hinter Ethlabs stehen Ethereum-Mitgründer Joseph Lubin, BitMine-Chairman Tom Lee sowie die Krypto-Treasury-Unternehmen BitMine und SharpLink – BitMine gilt als größtes ETH-Treasury-Unternehmen. Personell gibt es enge Verbindungen zum Kreis der abgewanderten EF-Mitarbeiter.
Wenige Tage zuvor, am 20. Juni, hatte Tom Lee Warnungen vor einer „schleichenden Krise“ der Ethereum-Entwicklung zurückgewiesen und die Bedenken als übertrieben bezeichnet. Damit prallen im Ökosystem gerade zwei Lesarten der Situation aufeinander.
Markt reagiert mit Kursrutsch
Parallel zur Ankündigung geriet der ETH-Kurs unter Druck. Ether notierte am Dienstag bei rund 1.650 US-Dollar und gab im Tagesverlauf um etwa fünf Prozent nach. Damit liegt ETH weit unter seinem 52-Wochen-Hoch von knapp 4.956 Dollar und nur wenig über dem 52-Wochen-Tief von rund 1.388 Dollar. Gegenüber dem Rekordhoch von fast 5.000 Dollar im August 2025 summiert sich das Minus grob auf 60 Prozent; auf Jahressicht steht ein Rückgang von etwa 30 Prozent. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 200 Milliarden Dollar bleibt Ether die Nummer zwei hinter Bitcoin.
Dabei gilt es festzustellen, dass der Gesamtmarkt schwächelt, weshalb die Entlassungen wohl keine oder zumindest eine untergeordnete Rolle gespielt haben dürften.
Einordnung und Ausblick
Die EF zieht sich auf einen harten Kern zurück – Basisprotokoll, Zensurresistenz und Selbstbestimmung der Nutzer – und überlässt Wachstum und Anwendungsnähe stärker unabhängigen Teams und Unternehmen. Im Blog stellt die Stiftung sogar ausdrücklich klar, dass der Protokoll-Cluster nicht dafür da sei, Ethereum „marktgängiger“ zu machen. Genau dort setzen Ethlabs und die großen Treasury-Firmen an, die auf institutionelle Adoption drängen. Beobachter werten diese Entwicklung ambivalent: Eine schlankere Stiftung könnte schneller und fokussierter arbeiten – die Häufung der Abgänge wirft aber Fragen nach Steuerung und Kontinuität auf. Das ist eine Einordnung der aktuellen Lage, kein abgeschlossenes Urteil.
Zu beobachten sein dürfte in den kommenden Monaten, ob die Arbeitsteilung zwischen einer kleineren EF und den neuen, unternehmensnahen Initiativen tatsächlich funktioniert – und wie sich die Lücken an der Spitze füllen. Die Stiftung selbst hat angekündigt, im Lauf der nächsten Wochen und Monate genauer zu erläutern, wie die einzelnen Cluster arbeiten und wie sich das Ökosystem einbringen kann.

