David Baileys Unternehmen hat Bitcoin veräußert. Wer das als pragmatische Unternehmensführung abtut, greift zu kurz. Wer es als Verrat an der Bitcoin-Mission abtut, auch.
Die Schlagzeile klingt auf den ersten Blick provokant: Nakamoto Inc., das Unternehmen hinter Bitcoin Magazine und der Bitcoin Conference, hat Bitcoin verkauft. Ausgerechnet David Bailey, einer der lautesten Verfechter der Bitcoin-only-Philosophie, trennt sich von einem Teil seiner Reserven. Die ehrliche Antwort auf die Frage, was das bedeutet, ist unbequemer als sie zunächst erscheint.
Aus dem am 30. März 2026 bei der SEC eingereichten 10-K-Jahresbericht geht hervor, dass Nakamoto Inc. zum 31. Dezember 2025 rund 5.342 Bitcoin hielt, bewertet zu einem Preis von 87.519 Dollar je Coin. Dies entspricht einem Gesamtwert von etwa 467,5 Millionen Dollar.
Das Unternehmen hat 2026 ein designiertes Trading-Wallet für eine Options-Strategie auf einen Teil seiner Bitcoin eingerichtet, die unter anderem das Verkaufen von Covered Calls und Cash-Secured Puts umfasst. Der Verkauf ist also kein spontaner Akt – er ist Teil einer vorab dokumentierten Finanzstrategie. Soweit die offizielle Lesart.
Doch der Kontext, in dem dieser Verkauf stattfindet, verdient mehr Aufmerksamkeit.
Kein Kalkül, sondern Liquiditätsdruck
Nakamoto verkaufte im März 2026 rund 284 BTC für 20 Millionen Dollar zu einem Durchschnittspreis von 70.422 Dollar – obwohl das Unternehmen erklärt hatte, Bitcoin weiter akkumulieren zu wollen. Das allein wäre noch erklärbar. Was die Situation grundlegend verändert: Nakamoto hat einen 8-prozentigen, 210-Millionen-Dollar-Kredit in USDT bei Kraken aufgenommen, der durch den Großteil seiner Bitcoin besichert ist. Das schränkt die finanzielle Flexibilität ein und erhöht den Druck zu weiteren Verkäufen.
Man bekommt den Eindruck, dass es sich nicht um eine ausgeklügelte Options-Strategie handelt, sondern eher um ein Unternehmen, das unter dem Gewicht seiner eigenen Konstruktion leidet. Nakamoto meldete für das Geschäftsjahr 2025 einen Vorsteuerverlust von 52,2 Millionen Dollar – gegenüber 3,6 Millionen Dollar im Vorjahr. Der Anstieg wurde maßgeblich durch einen Wertverlust der digitalen Assets von 166,1 Millionen Dollar getrieben.
Das strukturelle Problem: Bailey kauft von sich selbst
Im Februar 2026 erwarb Nakamoto BTC Inc – den Betreiber der Bitcoin Conference und von Bitcoin Magazine – sowie UTXO Management, einen auf Bitcoin-Unternehmen spezialisierten Investmentfonds. Was im 10-K nüchtern als strategische Übernahme beschrieben wird, hat eine pikante Dimension: Beide Unternehmen gehörten Bailey selbst. Er war also gleichzeitig Käufer, Verkäufer und genehmigender CEO.
Erschwerend kommt hinzu, dass Nakamoto überbesicherte Kreditvereinbarungen eingegangen ist, die im schlimmsten Fall zur Zwangsverwertung von 3.717 Bitcoin zulasten der Aktionäre führen könnten. Und: Bailey behauptete einen Tag nach der Übernahme-Ankündigung, BTC Inc und UTXO hätten 2025 mehr als 100 Millionen Dollar Umsatz gemacht – Nakamoto musste daraufhin eine Korrektur bei der SEC einreichen. Der tatsächliche Wert lag bei 78 Millionen Dollar.
Wer das alles von außen betrachtet, bekommt ein Bild, das über bloße Managementfehler hinausgeht: Aktionäre haben mit ihrem Kapital Baileys Privatunternehmen unter das Dach von Nakamoto gebracht. Jetzt verkauft Nakamoto Bitcoin – das Asset, für das Aktionäre ursprünglich eingestiegen sind – um operative Kosten zu decken und Strukturen zu finanzieren, von denen Bailey selbst profitiert.
Das ist zwar kein Betrug, aber es ist ein erheblicher Interessenkonflikt.
Der Vergleich mit MARA: Zwei Arten von Druck
MARA und Nakamoto haben beide Bitcoin verkauft. Die Gründe dafür könnten jedoch kaum unterschiedlicher sein – und genau deshalb ist der Vergleich erhellend.
MARA Holdings veräußerte zwischen dem 4. und 25. März 2026 insgesamt 15.133 BTC für rund 1,1 Milliarden US-Dollar. Mit den Erlösen kaufte das Unternehmen eigene Wandelanleihen mit einem Abschlag von rund 9 Prozent zurück und erzielte dabei einen Buchgewinn von etwa 88 Millionen Dollar. Die gesamte Wandelschuldenlast sank um rund 30 Prozent – von 3,3 Milliarden auf 2,3 Milliarden Dollar.
Der Verkauf erfolgte zu einem Durchschnittspreis von etwa 65.300 Dollar je Coin – bei einer geschätzten Kostenbasis von rund 80.900 Dollar. Auf Coin-Ebene entstand damit ein realisierter Verlust. Das ist kein Zufall, sondern Symptom: Die Mining-Ausbeute von MARA sank 2025 infolge des Halvings um 7 Prozent auf 8.799 BTC, während Energiekosten und Difficulty stiegen. Die Produktionskosten pro Bitcoin lagen teils bei 70.000 bis 87.000 Dollar.
MARAs Bitcoin-Verkauf ist der Befund eines Miners unter strukturellem Druck. Das Modell stöhnt unter Post-Halving-Kosten, die den Kurs kaum noch decken. Der Schritt war bilanziell geschickt – aber er zeigt, dass das HODL-Versprechen für Unternehmen mit hohem operativen Aufwand an seine Grenzen stößt. Es handelt sich also um operativen Zwang.
Bei Nakamoto ist es anders. Hier verkauft kein Miner unter Kostendruck, sondern ein Unternehmen, das seinen Gründer dabei finanziert hat, eigene Privatunternehmen in die börsennotierte Hülle zu integrieren – und das nun unter dem Gewicht eines besicherten Großkredits und eines massiven Jahresverlustes steht. Nakamoto räumt im 10-K selbst ein, dass das Unternehmen möglicherweise zusätzliches Kapital benötigt und dass künftige Wertpapierangebote zu einer weiteren Verwässerung bestehender Aktionäre führen könnten.
Der Markt hat sein Urteil bereits gefällt
Der Kurs der Nakamoto-Aktie (Nasdaq: NAKA) erreichte seinen Höchststand bei 34,77 Dollar im Mai 2025 und fiel bis Ende März 2026 auf etwa 0,226 Dollar – ein Einbruch von rund 99 Prozent in weniger als einem Jahr. Das ist das deutlichste Misstrauensvotum, das der Markt aussprechen kann. MARA hingegen stieg im vorbörslichen Handel nach Bekanntgabe des Verkaufs um bis zu 10 Prozent.
Gleichzeitig gilt es aber auch festzustellen, dass BTC Inc kein wertloses Asset ist. Das Unternehmen gestaltet eine Konferenzreihe mit 67.000 Besuchern und hält ein Portfolio von 27 Medienmarken, die einen echten Wert haben.
Aber Aktionäre, die Nakamoto als reines Bitcoin-Treasury-Vehikel verstanden haben, sollten wissen: Das Unternehmen, welches Bailey versucht zu bauen, ist deutlich komplizierter und trägt andere Risiken.

