Interview

Was kann Cardano leisten? Im Interview mit Lars Brünjes

Lars Brünjes Interview Director of Education

Cardano sorgt immer wieder für Schlagzeilen, ob es nun Grabenkämpfe zwischen den Communities sind oder Projekte in Entwicklungsländern. Die Bandbreite ist hoch und die Ziele, die man mit dieser Blockchain-Technologie erreichen möchte, sind hochgesteckt.

Wir haben mit Lars Brünjes gesprochen, der bei IOG u. a. für Bildungsprogramme zuständig ist. Was erwartet Cardano im Jahr 2022 und wie setzt man die Pläne in Entwicklungsländern um? Und wie begegnet man den Bedenken beim Datenschutz, wenn es um Identity Management geht?


Herr Brünjes, Sie sind Director of Education bei Input Output Global. Wie sind Sie zum Thema Kryptowährungen gekommen? Es gibt sicherlich über 9000 verschiedene Kryptos, warum Cardano?

Ich bin studierter und promovierter Mathematiker und habe mich schon immer für Computer interessiert und auch für das Programmieren. Dabei haben mich insbesondere exotischere Programmiersprachen begeistert. Während meines Postdocs in Cambridge, stieß ich zum ersten Mal auf Haskell und diese Programmiersprache hat mich dann im Gegensatz zu anderen nicht wieder losgelassen.

Nachdem ich über Jahre hinweg mit verschiedenen Sprachen experimentierte hatte, beschloss ich, dass ich mir eine aussuchen und ernsthaft studieren muss und meine Wahl fiel schlussendlich auf Haskell. Das war auch bei meiner Jobsuche entscheidend, denn es gibt nicht viele Firmen, die damit arbeiten. Bei IOG, das Unternehmen, welches Cardano vorantreibt, ist das anders.

Im Prinzip habe ich mich also nie primär für Kryptowährungen interessiert, sondern es war der wissenschaftliche Ansatz, den IOG vertritt, der mich begeisterte und der auch durch die Wahl von Haskell als wissenschaftsorientierte Programmiersprache reflektiert wird.

Viele finden oder fanden ihren Job in der Krypto- und Blockchain-Industrie über ihr Investment.  Bei Ihnen ging es mehr um akademische Aspekte. Hatten Sie zu dem Zeitpunkt bereits von Bitcoin gehört?

Ich hatte damals zwar von Bitcoin gehört, aber nie investiert oder Mining betrieben. Den Grundgedanken von digitalem Geld finde ich bis heute faszinierend, auch wenn mein Aufgabenbereich an anderer Stelle stattfindet.

Wofür sind Sie bei IOG genau zuständig?

Ursprünglich bin ich als Haskell Entwickler eingestellt worden, habe aber immer gerne Vorlesungen gehalten und neben meinem Studium Lerngruppen gestaltet. Ich habe es sozusagen etwas vermisst nach meiner Zeit an der Uni nicht mehr Unterrichten zu können.

Weil Haskell aber so exotisch ist, ist eine der Schwierigkeiten, Entwickler zu finden, die damit umgehen können. Irgendwann kam die Idee auf, dass wir unsere eigenen Entwickler heranziehen und selbst feste Kurse anbieten. Damit schließen wir die Lücke beim Nachwuchs und liefern Interessenten auf der ganzen Welt das notwendige Handwerkszeug, um sich mit Cardano auseinandersetzen zu können. Das ist im Prinzip meine Kernaufgabe.

Damit erreichen wir beispielsweise auch Menschen in Entwicklungsländern und können ihnen über unsere Kurse etwas an die Hand geben und einen Beitrag zum Fortschritt leisten.

IOG ist in Ländern wie Äthiopien aktiv. Dort gibt es strukturelle Probleme und schwere bewaffnete Konflikte. Das klingt auf Anhieb nicht so, als ob man mit Blockchain-Technologie unmittelbar Abhilfe schaffen kann. Was passiert dort vor Ort? Wie kommt das, was Sie vermitteln, in der Praxis an?

Zu der Zeit als ich in Äthiopien war, sah die Situation noch ganz anders aus und ich habe dort zwei Monate lang Kurse gehalten. Das war bevor der Bürgerkrieg eskaliert ist und insgesamt auch für mich persönlich eine tolle Erfahrung.

Die Geschichte dazu ist ebenfalls spannend. Der äthiopische Premierminister kannte sich nämlich mit Kryptografie aus. Primär stammten seine Kenntnisse darüber aus seiner Zeit beim Militär und dem Nachrichtendienst. Durch sein Interesse an dem Thema Blockchain kam es zu den Kursen, die exklusiv für Frauen abgehalten wurden. Ich unterrichtete für zwei Monate also 22 äthiopische Damen und vier aus Uganda. Das ist bei den Teilnehmerinnen damals sehr gut angekommen und ich war erstaunt, was sie für die Teilnahme auf sich nahmen.

Viele waren schon etabliert, hatten selber eine Professur inne oder waren als Softwareentwickler tätig. Manche waren auch verheiratet, hatten Kinder und mussten dadurch einen unglaublichen Spagat leisten. Eine Teilnehmerin musste ihre Kinder für zwei Monate im Heimatort lassen, um an dem Kurs teilnehmen zu können. Diese Opferbereitschaft hat mir persönlich das Gefühl gegeben, dass wir wirklich etwas für die Teilnehmer leisten können.

Viele der Teilnehmerinnen wurden von uns übernommen und arbeiten bis heute für uns in Äthiopien. Ein Aspekt der für Entwicklungsländer ebenfalls wichtig ist. Qualifiziertes Personal wandert nämlich häufig aus. Auf diesem Weg können die Mitarbeiter remote für IOG Arbeit leisten und haben gleichzeitig auch vor Ort einen positiven Impact.

Diese Zusammenarbeit hat im Ergebnis dazu geführt, dass wir einen Vertrag mit der äthiopischen Regierung abgeschlossen haben, dass jetzt alle äthiopischen Schüler – rund 11 Millionen an der Zahl, wenn ich mich nicht irre – ihre Leistungen auf der Cardano-Blockchain zertifiziert bekommen.

Ein Kritikpunkt, über den man immer wieder im Bereich Identity Management stolpert, ist der Datenschutz und die Verletzbarkeit von Bürgerrechten. Was passiert, wenn die falschen Leute die Daten und die Zertifikatsvergabe in den Händen halten? Wie begegnet man dieser Problematik?

Identity Management ist auf Cardano im Hinblick auf die Privatsphäre entwickelt worden. Es ist beispielsweise so, dass man selbst entscheidet, welche Informationen oder welche elektronischen Zertifikate man mit welcher Partei oder Person teilt. Es gibt in diesem Prozess immer drei Parteien, also das Subjekt für das ein Zeugnis ausgestellt wird, dann den Aussteller und denjenigen, der es verifizieren möchte.

Wenn sich ein Student mit seinem Diplom von einer Hochschule bewerben will, dann stellt diese ihm das Diplom digital aus. Der Arbeitgeber kann dann digital verifizieren, dass es wirklich von der betreffenden Uni stammt. Die Hochschule wird in diesen Prozess aber nicht einbezogen. Sie weiß nicht, dass eine Abfrage stattfindet. Diese Methode ist auf alle anderen digitalen Dokumente bzw. Zertifikate erweiterbar und zusätzlich lässt sich jedes Dokument an verschiedene digitale Identitäten verknüpfen. Ich muss also nicht den gleichen Identifier für mein Zeugnis und meinen Personalausweis verwenden, wenn ich es nicht will. Die Nutzer genießen innerhalb dieses Systems die Hoheit über ihre Daten.

Skalierbarkeit ist immer noch eine große Baustelle für viele Blockchain-Technologien, auch für Cardano. Warum ist das überhaupt so?

Bei einer Blockchain müssen sich Tausende von dezentralen Nodes synchronisieren und sozusagen darauf einigen, was die Wahrheit ist. Bei genauer Betrachtung ist das natürlich auch eine unheimliche Verschwendung. Tausende von Computern machen im Grunde genommen alle genau dasselbe und haben dieselben Daten. Darin liegt das Problem.

Man würde vielleicht zunächst denken, dass ein weltweites Netzwerk von Computern super schnell und mächtig wäre. Aber weil alle Rechner mehr oder weniger im Gleichschritt voranschreiten, ist es im Prinzip nicht mächtiger oder schneller, als wenn man einen Computer hätte. Das ist meiner Meinung nach die Ursache für das Problem der Skalierbarkeit. Die Redundanz macht die Blockchain zwar unantastbar, aber eben auch sehr langsam.

Was erwartet denn die Community von Cardano dieses Jahr in Hinblick auf die Skalierung?

Zunächst die Vasil-Hard-Fork, die ein Upgrade der Smart Contracts bringt und die ganz konkret auf Skalierbarkeit und vor allen Dingen auch auf die Verringerung von Transaktionskosten abzielt. Die Kommunikation zwischen den Nodes wird verbessert und Transaktionen werden schneller im Netzwerk propagiert, was den Durchsatz erhöht.

Außerdem gibt es viele Verbesserungen für Smart Contracts. Bisher ist es so, dass jede Transaktion, die mit einem Smart Contract interagiert, immer diesen Smart Contract enthalten muss. Daher also den Code des Smart Contracts, was die Transaktion dann größer macht. Das hat dazu geführt, dass erstens nicht so viele Transaktionen in einen Block passen und zweitens die Transaktionen auch teuer sind. Dadurch, dass der jeweilige Smart Contract nur noch referenziert werden muss, wird es schneller und ca. zu 50 % günstiger.

Außerdem ist Hydra in der Mache, was dieses Jahr voraussichtlich nicht fertig wird. Dabei handelt es sich um eine Second-Layer-Lösung, welche über einen Isomorphismus verfügt. Der Vorteil ist, dass ein Smart Contract zum Beispiel gar nicht wissen muss, ob er auf der eigentlichen Blockchain läuft oder auf dem Second-Layer. Dadurch werden Smart Contracts sehr viel leichter portierbar.

Im Zuge der Debatte über Skalierbarkeit und Konsensmechanismus beschießen sich viele Projekte gegenseitig. Ripple kritisiert Bitcoin und schwingt die Umweltkeule und auch aus dem Lager von Cardano kommt immer wieder scharfe Kritik. Gleichermaßen muss man auch selber welche einstecken. Macht es Sinn, wenn sich die Industrie gegenseitig auseinandernimmt oder schneidet man sich damit nicht ins eigene Fleisch?

Ich mache das an der Mentalität fest. Als Deutscher finde ich die Art und Weise, wie über Social Media miteinander und übereinander kommuniziert wird, schrecklich. Teilweise liegt es meines Erachtens an dem amerikanischen Mindset, dass oftmals dazu neigt Führungspersönlichkeiten zu überhöhen.

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass sich am Ende nicht eine Blockchain durchsetzen wird, sondern dass wir immer eine Vielfalt sehen werden. Es dürfte tatsächlich wichtiger sein, aus technischer Sicht, Brücken zwischen diesen Blockchains zu bauen, als nur auf ein Pferd zu setzen. Jede Blockchain hat ihre Vorteile. Die eine ist privater, die andere billiger, die nächste mag bessere bzw. geeignetere Smart Contracts haben. In diesem Sinne halte ich absolut nichts von Bashing, egal von wem es kommt.

Abschlussfrage: Wir befinden uns im finstersten Bärenmarkt. Wenn Sie die Wahl hätten, 100 US-Dollar in bar, in Bitcoin oder in ADA geschenkt zu bekommen, welche Option würden Sie wählen?

ADA.

Die Antwort ist keine große Überraschung. Bitcoin wird als Inflationsschutz diskutiert und Bargeld kann man immer schnell loswerden. Warum ADA?

Es geht mir gar nicht darum, dass Bitcoin nicht sogar stärker steigen könnte. Ich glaube einfach an die Mission von Cardano. Wir können es schaffen, dass Milliarden von Menschen endlich Zugang zu Finanzdienstleistungen bekommen können. Ob das dann gelingt, ist eine andere Frage, aber zumindest denke ich, dass wir uns ernsthaft bemühen und die richtigen Ansätze und Konzepte haben. Dieses Leitmotiv unterstütze ich voll und ganz.