Kommentar

Die Zukunft von Bitcoin als Bezahlsystem: Kehrt der „Blocksize War” zurück?

Bitcoin ATM Schild an einer Hauswand
Bildquelle: © l_martinez - stock.adobe.com

Philipp Mattheis ist Journalist und Buchautor. In seinem wöchentlich erscheinenden Newsletter www.blingbling.substack.com berichtet er regelmäßig über Bitcoin, Geld und Geopolitik.

Hat jemand vor Kurzem versucht, Bitcoin von einer Börse auf eine Wallet zu schicken? Wenn man das aktuell „on chain“, also ohne Lightning oder irgendeine andere „L2“-App macht, kostet das nicht wenig. In meinem Fall waren es rund zehn Euro – um 150 Euro zu versenden. Das liegt am gerade eingeführten Runes-Protokoll, das NFTs auf Bitcoin ermöglicht, und aktuell die Blockchain verstopft.

Moment Mal, sollte Bitcoin es nicht für Millionen von Wander- und Gastarbeitern erleichtern, ihr Geld ohne Gebühren nach Hause zu schicken? Sollte Bitcoin nicht das Geschäftsmodell von Western Union und eigentlich allen Banken zerstören? Stattdessen zocken jetzt Wallstreet-Banker damit herum. Wann ist Bitcoin falsch abgebogen und wurde vom Geld der Massen zum Spekulationsobjekt der Wallstreet?

So oder so ähnlich zumindest lautet die Analyse von Roger Ver. Und die Lösung hat er natürlich auch gleich parat. All das beschreibt er in seinem gerade erschienenen Buch „Hijacking Bitcoin – The Hidden History of BTC“. 

Ver ist nicht irgendwer, sondern der Mann, der lange als „Bitcoin Jesus“ bekannt war und später als „Bitcoin Judas“ verunglimpft wurde. Ver war schon eingefleischter Libertärer auf der Suche nach staatsfreiem Geld, als er 2011 ins Bitcoin-Rabbithole fällt: Er schläft tagelang kaum und arbeitet sich immer tiefer in die Materie ein. Ver geht früh „all in“ – mit seinem Privatvermögen, und mit seinem Unternehmen, das Computer-Hardware verkauft. Es ist eine der ersten Firmen, bei dem man mit Bitcoin bezahlen kann. Viele Miner nutzen das Angebot. Ver ist seitdem auf einer Mission, die Errungenschaften von Bitcoin zu predigen. Zusammen mit Andreas M. Antonopoulos gilt er als einer der frühsten Apologeten des Internetgeldes. 

2014 aber gibt es erste Risse in der Bewegung. Bitcoin hat ein Problem:

Es skaliert nicht. Die Blöcke sind schnell mit Transaktionen überfüllt, so dass ihre Verifizierung lange dauert. Ver und andere befürworten deswegen eine Anhebung der Block-Größe von 1 MB auf 8 MB oder mehr. Während die Miner unentschlossen sind oder zu Ver tendieren, hält das Entwickler-Team „Bitcoin Core“ dagegen. Eine Anhebung der Block-Größe würde den Minern zuviel Macht geben, und die „Nodes“ entmachten. Ihr Standpunkt: Die Block-Größe zu belassen und auf „Sidechains“ auszuweichen.

Die „Blocksize Wars“ dauern mehrere Monate und gipfeln in einem „Hard Fork“. Ver und andere, darunter Kim Dotcom, spalten sich ab. Daraus wird Bitcoin Cash. BCH, wie das Kürzel lautet, ist heute fast in Vergessenheit geraten. Ver gilt in der Bitcoin-Szene als jemand, der zwar große Verdienste für Bitcoin erbracht hat, aber irgendwann falsch abgebogen ist und sich seitdem verrennt hat. Sein Buch entspricht genau diesen Erwartungen. Lesenswert ist es trotzdem. Es gibt einen guten Einblick in die ersten Bitcoin-Jahre, und in die tatsächlich opaken Machenschaften von „Bitcoin Core“ und dem Unternehmen Blockstream.

Ich persönlich halte nicht viel von Bitcoin Cash und habe auch keine BCH im Depot. Ver und seinen Mitstreitern ist es damals nicht gelungen, die Mehrheit von ihrem Anliegen zu überzeugen. Das lag auch daran, dass Roger Ver oft unsympathisch und arrogant auftrat. Bitcoin Cash gilt heute als eher obskurer Coin ohne große Zukunft. Die Beschäftigung mit den „Blocksize Wars“ aber lohnt sich.

Denn das Grundproblem der Skalierung ist bis heute nicht gelöst. Lightning und Liquid sind zwar Behelfslösungen, die im Alltag funktionieren – dies geht aber auf Kosten der Dezentralisierung. Wer weiß, ob die Debatte nicht nochmals zurückkehrt.

Das könnte dich auch interessieren

Portfoliostrategie 2024: Wer kein Bitcoin hält, verliert

Robert Steinadler

Diese 10 Krypto-Lektionen hätte ich gerne vor meinem ersten Bullrun gelernt

Alexander Mayer

So hätte ich fast 35.000 Dollar durch einen dummen Fehler verloren

Alexander Mayer