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Bitcoin und deutsche Banken, was haben wir zu erwarten? Ein Interview mit Christoph Iwaniez von Bitwala

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Bildquelle: bitwala.com

Lesedauer für den Artikel: 9 Minuten

Bitwala ist ein Unternehmen der besonderen Art, denn mit ihrem Girokonto sind sie eine Challenger-Bank im Krypto-Bereich. Wir haben mit dem Finanzvorstand des Unternehmens, Christoph Iwaniez, telefoniert und zu seinen Einschätzungen befragt. Wie gehen Banken mit Kryptowährungen um? Können sie sich anpassen? Und wo bestehen Wachstumschancen durch disruptive Potentiale?


Was gibt es Neues bei Bitwala?

Was macht das Geschäft? Ihr bietet jetzt schon seit einem Jahr euer Bitwala Girokonto an.

Wir haben im Augenblick so viele Anmeldung, dass unser Kundensupport förmlich überrannt wird. Wir arbeiten rund um die Uhr daran.

Um es in Zahlen auszudrücken: Wir erzielen pro Monat ca. 20 Prozent Kundenwachstum gegenüber dem Vormonat. Das ist unglaublich dynamisch und wir sind sehr zufrieden.

Du bist schon oft danach gefragt worden: Wann ist es endlich für Geschäftskunden soweit? Gibt es dazu etwas Konkretes?

In der Tat ist dies im Kundensupport die häufigste Frage und wir haben uns das Thema sehr genau angeschaut. Dazu haben wir auch eine umfassende Marktbefragung durchgeführt und ebenfalls mit potentiellen Kunden gesprochen. Im Ergebnis sind es nur wenige Unternehmen die tatsächlich als Kunden in Frage kommen.

Wenn man das Produktpotential betrachtet, dann stellt man sehr schnell fest, dass zudem jede Menge Anpassungen erforderlich sind. Eine juristische Person wie eben ein Unternehmen an Bord zu holen ist ein ganz anderer Prozess, als einen Endverbraucher als Kunden zu begrüßen.

Im B2B-Bereich braucht der Markt einfach noch mehr Zeit.

Aber der B2B-Markt fragt immer wieder an. Ist das nicht auch ein wichtiger Schritt für die Akzeptanz von Kryptowährungen?

Eine der aktuellen Entwicklungen, die wir selber als extrem positiv bewerten, ist das Thema Stablecoins. Unabhängig davon, ob deren Protokoll dezentral oder zentralisiert ist, sie werden das alte Versprechen von „peer-to-peer cash“ einlösen.

Bitcoin ist zu volatil. Viele Kunden die Bitcoin halten, glauben daran, dass es weiter nach oben geht. Ich bin davon überzeugt, dass Stablecoins die verlorengeglaubten Anwendungsfälle – wie eben das Bezahlen im Alltag – von Kryptowährungen zurückbringen werden und damit auch für die notwendige Traktion im B2B-Bereich sorgen. Unnötige Mittelsmänner werden ausgeschaltet. Der Onlinehandel erhält beispielsweise die Zahlungen direkt und kann nahtlos seine Ware in den Versand geben.

Erst wenn es genügend Unternehmen gibt, die auf diese und andere Vorteile setzen, sehe ich Chancen für uns im B2B-Bereich.

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Wo siehst du den Status quo im Bankensektor?

Die Redaktion von BTC-Echo hat jüngst eine Bankenumfrage veröffentlicht, die das Thema Kryptowährungen anspricht. Die Umfrage offenbart zwar keine Überraschungen, gibt aber dennoch einen guten Einblick zum Status quo bei den Banken.

Wenn ihr euch mit den großen Instituten vergleicht, wo seht ihr eure Position?

Bevor ich auf die Frage eingehe, eines vorab. Ich war sehr über die internationale Berichterstattung überrascht, dass es plötzlich hieß, deutsche Banken dürften nun auch Kryptowährungen handeln. Das durften sie auch schon vorher, daran ändert die neue Gesetzgebung zur Krypto-Verwahrung nichts.

Urplötzlich gingen viele Berichte davon aus, dass in Deutschland nun ein Bankenhandel mit Kryptowährungen stattfinden würde. Das ist mitnichten der Fall.

Sie haben es in der Vergangenheit nicht getan und sie werden es auch in Zukunft nicht tun. Ich glaube, es wird in den kommenden 20 Jahren keine der großen deutschen Geschäftsbanken geben, die irgendein Angebot mit Kryptowährungen haben wird.

In den Krypto-Medien zirkulieren zwar gerne Meldungen, wenn sich diverse Bankenabteilungen dazu mal äußern, das sind aber häufig Research-Abteilungen aus dem Kapitalmarktgeschäft und deren Analysen sind Dienstleistungen. Diese sind nicht für interne Zwecke gedacht.

Die Research-Abteilung kann sich zwar positiv zu Bitcoin und Kryptos äußern, das heißt aber mitnichten, dass die Bank selber das Geschäft aufnimmt. Das wird nicht passieren.

Sprich, euer Angebot verleiht euch auch weiterhin ein Alleinstellungsmerkmal?

In der festen Erwartung, dass deine Sparkasse es leider auch in Zukunft nicht erlauben wird Bitcoin zu handeln, füllen wir als Bitwala eine Nische aus. Und zwar aus dem sicheren Kontext eines deutschen Girokontos heraus.

Wir verbinden den Ausgangspunkt deiner finanziellen Entscheidungen mit Bitcoin sowie Ethereum und den vielen Anwendungsfällen in der Kryptowelt, die wir damit erschließen.

Kommen wir zum Thema Tokenisierung und Verwahrung, was ebenfalls bei der Befragung Thema für die Banken war. Wie wollt ihr denn auf diese beiden Themen eingehen?

Wir haben ein ERC-20 Wallet mit einer hohen Bedienbarkeit. In Zukunft wird es sehr viele Finanzprodukte auf der Ethereum-Blockchain geben. Diese können dort auch direkt in unserem Wallet verwaltet werden. Wir orientieren uns in erster Linie an den Wünschen der Kunden.

Was den Wertpapierbereich angeht, so fehlt es dort leider noch an dem notwendigen Volumen. Für die kommenden 6 Monate haben wir dementsprechend nichts geplant. Wir wollen erst abwarten, wann das erste Asset auf die Chain kommt, das für die breite Masse an Kunden interessant ist.

Wir haben eben kurz über die unbeteiligte Haltung der Sparkassen und Volksbanken gesprochen. Die Umfrage vom Echo zeigt hier das gleiche Bild, wie du es auch schon beschrieben hast. Werden die Banken mit ihrer Verweigerungshaltung überrollt werden?

Ich habe in der Vergangenheit zwei Jahre in einem Innovationsprojekt für eine Bank gearbeitet. Dieses Projekt war eine Reaktion auf ein Produkt, das es damals bereits 15 Jahre gab, nämlich PayPal.

Ganze 15 Jahre nachdem PayPal gegründet wurde!

Kryptowährungen gibt es erst seit 10 Jahren, sie sind deutlich komplexer und verfügen über eine weitaus schlechtere Reputation als PayPal. Die Wahrscheinlichkeit, dass Geschäftsbanken das Thema in naher Zukunft aufgreifen, ist extrem gering.

Warum habe ich meine eigene Erfahrung als Beispiel aufgegriffen? Nun, es zeigt, wie lange die Innovationszyklen bei Banken bis zu einer Umsetzung brauchen. Dieser Umstand ist auch nicht neu. Es gab das Internet beispielsweise lange vor dem Onlinebanking.

Banken haben eine Aversion gegenüber Veränderungen durch neue Technologien. Sie brauchen extrem lange bis sie sich anpassen. Gerade im Bereich Kryptowährungen sind international sehr viele Fintech Unternehmen im Aufbruch. Ich halte es für sehr bedenklich, dass die Banken in einem weiteren Bereich zu lange abwarten. 

Der ganze Payment-Sektor bricht ihnen nach und nach weg, sei es durch Apple Pay oder PayPal. Auch das Wertpapiergeschäft wird nun durch neue Technologie bedroht. Der Bankensektor wird infolgedessen schrumpfen. Sowohl die Anzahl der Banken, als auch der Umfang der einzelnen Institute.



Wenn man von Tokenisierung und Krypto-Verwahrung absieht, wo siehst du das größte disruptive Potential im Bankgeschäft?

Nun, die Bereiche Payment und Investition liegen schon schwer unter Beschuss. Was bleibt der Bank noch? Die Kredite. Und genau hier sehen wir ebenfalls eine massive Bewegung zu „Decentralized Finance“.

Ich glaube damit hat kein Bankvorstand gerechnet, dass sein Kredit- und Einlagengeschäft gekippt werden könnte. Sprich, auf der einen Seite nehmen die Banken Einlagen von Kunden an und auf der anderen Seite geben sie diese Einlagen wieder als Kredite heraus.

Wenn das jetzt auch noch in die Hände von Startups und Fintech Unternehmen fällt und komplett über Protokolle abgewickelt wird, dann ist das ein harter Angriff auf eine Kerndienstleistung im Bankengeschäft.

Müssten Banken also auch in diesem Bereich adaptieren?

In der Tat hat sich der DeFi-Markt sehr schnell entwickelt. Im Jahr 2019 haben wir eher Fallstudien gesehen. Doch schon im noch sehr jungen Jahr 2020 kann man erkennen, dass da plötzlich ganz andere Summen bewegt werden. Wir haben gewissermaßen die Prototypen gesehen und man kann sagen: Der Prototyp war erfolgreich.

Man muss anerkennen, dass sich die Verteilung von Liquidität dezentral organisieren lässt. Wenn man das etwas weiterdenkt, dann werden nun immer mehr Leute darauf Geschäftsmodelle aufbauen und werden damit immer mehr vom Kerngeschäft der Banken abschneiden.

Altcoins, Privatsphäre und Prognosen

Kommen wir kurz noch mal zurück zu Bitwala. Erst kürzlich habt ihr Ethereum zu euerem Angebot hinzugefügt. Ebenfalls heiß begehrt in Deutschland – zumindest, wenn man das Gewicht der Communities in Betracht zieht – ist IOTA und XRP. In einem anderen Interview hast du mal angekündigt zukünftig auch weitere Altcoins zu berücksichtigen, wenn der Moment und die Marktkapitalisierung günstig sind.

Wie stehen die Chancen für die beiden Kandidaten?

Wir haben auf der einen Seite im Jahr 2019 eine große Einengung auf Bitcoin und Ethereum gesehen. Beide liefern bisher in der Praxis noch die meisten Anwendungsfälle. Was sicher auch daran liegt, dass die verschiedenen Projekte hinreichend finanziert sind.

Auf der anderen Seite geht es bei anderen Kryptowährungen nicht so dynamisch voran. Wir bauen letztlich das in das Konto das ein, was die Kunden wollen. In Hinblick auf die Infrastruktur macht es wenig Unterschied, ob man einen IOTA-Wallet oder einen Wallet für Ethereum hinzufügt. Der Aufwand ist hier relativ gering.

Allerdings muss sich das auch genauso lohnen, und zwar für einen Großteil unserer Kunden. Es gibt zwar Communities, die sehr laut sind, aber wir sind eher ein Massenprodukt und viele Projekte gehen zu sehr in eine Nische. Am allerwichtigsten sind uns die Anwendungsfälle, wenn diese vorhanden sind, dann spricht überhaupt nichts dagegen einen Altcoin aufzunehmen.

Stichwort Altcoins: Wie siehst du „Privacy Coins“? Werden sie durch die regulatorischen Bestrebungen unter die Räder kommen oder sind sie genau die Antwort, die es darauf gebraucht hat?

Es gibt einen Markt dafür. Ich würde ihn in zwei Fraktionen aufteilen, die sich auch schon von Beginn an bei Bitcoin finden ließen. Einmal die Nutzer, die dem Bankensystem gegenüber sehr kritisch eingestellt waren und ihre finanzielle Freiheit gesucht haben. Und auf der anderen Seite, die Anwender, die in Bitcoin eine „private“ Währung gesucht haben, die einen gewissen Datenschutz bietet.

Ich glaube der Aspekt des Datenschutzes und der Privatsphäre ist im Laufe der Entwicklung von Bitcoin zu kurz gekommen. Es gibt definitiv Menschen, die hier einen großen Bedarf haben oder einfach eine persönliche Affinität. Für die wird es Lösungen geben, die aber sehr apart vom eigentlichen Finanzsystem sind und auch bleiben werden.

Man kann das nicht verbieten, selbst dann nicht, wenn die USA, China und Europa geschlossen dagegen vorgehen würden. Ich finde das auch vollkommen in Ordnung. Aber es wird ein eigener, abgesonderter Bereich bleiben.

Ich weiß, du machst in deiner Rolle als CFO keine Preisprognosen. Also frage ich mal anders: Wo bzw. in welcher Phase siehst du den Bitcoin-Markt im Augenblick?

Ich persönlich glaube, das Potential der Protokolle von Bitcoin und Ethereum ist riesig. Gerade in Hinblick auf die Finanzprodukte, die sich darauf aufbauen lassen. In Zeiten von Niedrigzinsen und hohem zusätzlichen Geldvolumen, das kreiert wird, hat eine deflationäre Währung einen inhärenten Aufwertungsdruck.

Durch die zunehmende Regulierung rücken Kryptowährungen immer mehr in den Mainstream. Die Nachfrage am Markt wird immer breiter und manifestiert sich durch Trading und Spekulation. Und auch wenn es mal eine Phase mit kurzfristigen Abwärtsbewegungen gibt, so glaube ich an den langfristigen und auch belegbaren Trend nach oben. Diesen Trend sehe ich fundamental durch verschiedene Eigenschaften und Ereignisse bedingt, wie zum Beispiel das Bitcoin-Halvening.

Wir bedanken uns herzlich bei Christoph Iwaniez für das Interview.