Chainlink übernimmt die Order‑Flow‑Infrastruktur Atlas vom DeFi‑Infrastruktur-Anbieter FastLane. Mit dem Deal gehen sowohl die geistigen Eigentumsrechte als auch zentrale Entwickler des Projekts an Chainlink über. Die Technologie wird vollständig in Chainlinks bestehende Lösung „Smart Value Recapture“ (SVR) integriert und soll künftig ausschließlich darüber betrieben werden.
Atlas kommt bereits seit Längerem bei DeFi‑Protokollen wie Compound oder Venus zum Einsatz und dient dazu, bestimmte Transaktionsströme – insbesondere Liquidationen – kontrollierter zu koordinieren. Durch die Integration unter das Chainlink‑Dach soll diese Technik nun breiter eingesetzt und auf weitere Blockchains ausgerollt werden. Gleichzeitig wird die bislang existierende Atlas‑Variante auf Basis von RedStone eingestellt, bestehende Nutzer sollen auf SVR migrieren.
FastLane bleibt als Unternehmen bestehen und will Chainlink künftig als Partner bei Betrieb und Verbreitung der Technologie unterstützen. Strategisch stärkt der Schritt vor allem Chainlinks Rolle als infrastruktureller Knotenpunkt im DeFi‑Ökosystem.
MEV, OEV und warum Atlas für Chainlink relevant ist
Um die Bedeutung der Übernahme einzuordnen, lohnt sich ein Blick auf das zugrunde liegende Thema: Maximal Extractable Value oder kurz MEV. Gemeint ist der zusätzliche Wert, den Akteure durch die gezielte Auswahl oder Sortierung von Transaktionen in einem Block abschöpfen können. In der Praxis betrifft das unter anderem Arbitrage, Front‑Running oder das Ausnutzen von Liquidationen in Kreditprotokollen.
MEV ist nicht per se schädlich, hat im DeFi‑Kontext aber zu strukturellen Problemen geführt. Der entstehende Wert fließt meist nicht an die Protokolle oder deren Nutzer zurück, sondern an spezialisierte Bots, Validatoren oder Blockbuilder. Besonders problematisch sind dabei sogenannte „toxische“ MEV‑Formen wie Sandwich‑Angriffe, die direkt zulasten normaler Nutzer gehen.
Chainlink positioniert SVR und Atlas in einem anderen Bereich. Im Fokus steht Oracle Extractable Value (OEV), also MEV, das durch Orakel-Preisupdates entsteht. Ein klassisches Beispiel sind Liquidationen: Nach einem Preisupdate wird ein Kredit unterbesichert und darf liquidiert werden. Wer diesen Vorgang zuerst ausführt, erzielt einen wirtschaftlichen Vorteil – bislang meist externe Akteure.
Atlas setzt hier an, indem es anwendungsspezifische Order‑Flow‑Auktionen ermöglicht. Liquidationen oder ähnliche Vorgänge werden nicht mehr im offenen Wettlauf abgewickelt, sondern kontrolliert vergeben. Der entstehende Mehrwert kann so dem Protokoll selbst zufließen. Technisch ist Atlas auf Backrunning beschränkt und strukturell nicht für Front‑Running oder Sandwich‑Strategien ausgelegt.
Durch die Integration in SVR verbindet Chainlink diese Order‑Flow‑Logik direkt mit seinen weit verbreiteten Price Feeds. Das erleichtert es, OEV systematisch abzuschöpfen und zu verteilen – sowohl an DeFi‑Protokolle als auch an das Chainlink‑Netzwerk selbst.
SVR als Erlösmodell – und als Machtfaktor
SVR wird nach Angaben von Chainlink bereits von Protokollen wie Aave und Compound genutzt. In diesem Rahmen seien Liquidationen im Wert von über 460 Millionen US‑Dollar abgewickelt worden, wobei mehr als zehn Millionen US‑Dollar an zusätzlichem Wert an die Protokolle zurückgeflossen seien. Die Erlöse werden zwischen den Anwendungen und Chainlink geteilt.
Wirtschaftlich ist das ein bemerkenswerter Schritt. Chainlink verlässt damit endgültig die Rolle eines rein technischen Dienstleisters und etabliert sich als Akteur, der direkt an Wertströmen innerhalb von DeFi‑Protokollen beteiligt ist. Die Integration von Atlas beschleunigt diesen Prozess, weil sich das Modell nun leichter auf weitere Blockchains übertragen lässt.
Derzeit ist SVR unter anderem auf Ethereum, Arbitrum, Base, der BNB Chain und HyperEVM aktiv. Auf Ethereum setzt Chainlink weiterhin auf Flashbots MEV‑Share, während Atlas vor allem für neue Ökosysteme relevant wird, in denen entsprechende Infrastruktur bisher kaum vorhanden ist.
Die Übernahme von Atlas ist weniger ein spektakulärer Zukauf als vielmehr ein konsequenter Schritt in einer längerfristigen Strategie. Chainlink nutzt seine dominante Stellung im Orakel‑Markt, um zusätzliche Ebenen der DeFi‑Wertschöpfung zu standardisieren. Für Protokolle bedeutet das potenziell stabilere Einnahmen und weniger Abhängigkeit von externen MEV‑Akteuren.
Gleichzeitig wächst damit der Einfluss von Chainlink innerhalb des DeFi‑Stacks weiter. Preisfeeds waren bislang der zentrale Hebel, künftig kommen Order‑Flow‑Kontrolle und Erlösmodelle hinzu. Ob diese zunehmende Zentralisierung ökonomischer Koordinationsfunktionen langfristig als Vorteil oder als Risiko wahrgenommen wird, dürfte eine der zentralen Fragen für den DeFi‑Sektor bleiben.

